Warum die Nerds heutzutage die Welt regieren. Ein Gespräch mit Autor Ernest Cline

© Dan Winters

INTERVIEW

Warum die Nerds heutzutage die Welt regieren. Ein Gespräch mit Autor Ernest Cline


Wir leben im Zeitalter der Nerds: Videospiele sind Mainstream, Science-Fiction- und Superheldenfilme sind die größten Kassenschlager, und der Streit um Pluto hat weltweit Schlagzeilen gemacht.

Ernest Cline scheint einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Seine Lieblingsthemen – Games, 80er-Jahre-Kultur, Virtual Reality begeistern gerade die Massen. Mit »Armada« knüpfte er an den Erfolg seines Debüts »Ready Player One« an und landete prompt auf der New-York-Times-Bestsellerliste auf Platz 4. Oh, und Steven Spielberg führt bei der Filmadaption von »Ready Player One« Regie, und auch für »Armada« wurde eine Option für die Filmrechte vergeben.

Also, wie fühlt es sich an, der glücklichste Nerd der Welt zu sein? Nach einer aufregenden Lesereise, die bei der San Diego Comic-Con begonnen und ihn durch das ganze Land geführt hat, ist Cline zurück in Austin, Texas. „Immer, wenn mich jemand genervt hat, weil ich für mein zweites Buch so lange gebraucht habe, habe ich einen Witz gemacht: ‚Hey, Harper Lees zweites Buch ist auch gerade erst erschienen‘“, erzählt Cline der International Business Times und lacht.

„Star Wars“, „Battlestar Galactica“ und Anime wie „Robotech“ und „Cowboy Bebop“ sind nur einige der Dinge, die Cline beim Schreiben von „Armada“ beeinflusst haben. In dem Roman geht es um eine Alieninvasion, ziemlich schräge Abenteuer und jede Menge Videospiele.

Trotz der starken Konkurrenz von Bestsellern wie „Gehe hin, stelle einen Wächter“ und „Grey“ ist „Armada“ ein großer und unerwarteter Erfolg. „Ich weiß nicht, wann das letzte Mal ein Science-Fiction-Roman direkt unter die Top 5 gekommen ist“, sagt Cline. „Das ist wirklich großartig und zeigt, wie beliebt mein erstes Buch inzwischen ist. Es ist so überwältigend; überall, wo ich Bücher signiert habe, musste ich sehr lange am Stand bleiben. Das lässt einen wirklich demütig werden.”

Cline ist von ganzem Herzen Nerd. Die Anspielungen baut er in seinen Romanen nicht ein, um mit seinem Wissen anzugeben. Es ist einfach die Art, wie er auch mit Freunden spricht und sich mit ihnen über Ideen austauscht.

Wenn er nicht gerade Bestseller schreibt, versucht Cline zudem, sich einen Platz in den Geschichtsbüchern der NASA zu sichern. Während er „Armada“ schrieb, gab der Astronaut Kjell Lindgren ihm eine Führung durch das Lyndon B. Johnson Space Center in Houston. Als Lindgren im Juli 2015 zur Internationalen Raumstation aufgebrochen ist, hat er Buchumschläge von Clines beiden Romanen mitgenommen – damit ist das Cover von „Armada“ wohl das erste Buchcover eines aktuellen Bestsellers im Weltall gewesen. „Ich versuche einfach, mich mit seiner Hilfe irgendwie in die Raumfahrtgeschichte zu drängeln“, witzelt Cline.

Als Cline „Ready Player One“ schrieb, war er skeptisch, ob sich irgendjemand für das Buch interessieren oder es gar lesen würde, aber damit lag er komplett falsch. Erst gab es um den einen Bieterwettstreit um den Roman zwischen den Verlagen, später dann auch um die Filmrechte. Clines ersten Roman über einen Jugendlichen, der sich auf eine epische Reise durch eine virtuelle Welt begibt, mit seinen vielen Verweisen auf die Nerdkultur, fanden viele Fans glaubhaft und überzeugend. Für den  Autor selbst ist seine Popularität immer noch ein wenig surreal, und dieses Gefühl ist noch stärker geworden, seitdem Spielberg zugestimmt hat, bei der Verfilmung Regie zu führen.

„Es kommt mir vor, als wäre ich in der Welt von ‚Matrix‘ oder ‚Vanilla Sky‘ und es würde alles nur in meinem Kopf passieren. Es kann unmöglich sein, dass ich einen DeLorean fahre und Steven Spielberg meinen ersten Roman verfilmt“, sagte Cline. „Er hat vorher erst ein einziges Mal einen Debütroman verfilmt, und das war ‚Der weiße Hai‘ von Peter Benchley. Das ist echt krass. Das war einer der ersten Filme, die mir Angst eingejagt haben. Beide meine Bücher hätte ich nicht schreiben können, wenn ich nicht mit George Lucas und Steven Spielberg-Filmen aufgewachsen wäre.

Cline glaubt, dass seine Bücher unter anderem deshalb so erfolgreich sind, weil alle, die mit Atari und dem NES aufgewachsen sind, sich ein wenig nach der schrecklichen Grafik und den stundenlangen Gaming-Sessions ihrer Jugend zurücksehnen. „Ich denke, viele der Leute, die in den späten Siebzigern, Achtzigern und frühen Neunzigern jung waren, sind jetzt in der Unterhaltungsindustrie tätig. Es gibt Schriftsteller, Journalisten, Filmemacher und Musiker, die alle in dieser Zeit aufgewachsen sind, und nun können sie mit ihrer Kunst daran anknüpfen“, sagt Cline. „Ich glaube, aus demselben Grund gab es in den Achtzigern so viele Coming-of-Age-Filme, die in den Fünfzigern und Sechzigern spielten. Die Leute haben eine nostalgische Sehnsucht nach ihrer Jugend, und für diese Generation spielen Videospiele, Comics, Superhelden, Samstagmorgen-Cartoons und 80er-Filme eine wichtige Rolle.“

Man muss nicht alle Anspielungen auf Spiele wie „Black Tiger“ oder die Musik von Duran Duran verstehen, um Spaß an Clines Romanen zu haben. Sie funktionieren als große Abenteuergeschichten. Aber es ist ein Vorteil, dass dank des Internets heutzutage jeder ein bisschen Nerd ist. „Wofür auch immer du dich interessierst, du kannst immer andere Menschen finden, die sich auch dafür interessieren und rund um diese Leidenschaft einen Club gegründet haben“, sagt Cline. „Ob es ein Team oder ein spezieller Film oder eine Fernsehsendung ist – im Internet können alle darüber sprechen, zusammenarbeiten, sich austauschen. Das Internet hat Menschen zusammengebracht und diese Kultur erschaffen, die vorher nicht hätte existieren können.“

In „Armada“ spielen Videospiele eine zentrale Rolle. Mit ihrer Hilfe bereitet eine Regierungskoalition normale Bürger auf eine drohende Alieninvasion vor. In der realen Welt sind Videospiele von einem Nischengeschäft zum Mainstream geworden, und professionelle Gamer können viel Geld verdienen, während e-Sport die Stadien füllt und Tausende Zuschauer anlockt. „Die Videospiel-Branche ist inzwischen größer als die Film- und die Musikbranche zusammen. Es spielen so viele Menschen Videospiele, und wenn es nur auf dem Smartphone ist, und wir haben dabei zugesehen, wie es sich vom Atari, wo alles nach klobigen Blöcken aussieht, bis heute entwickelt hat, wo Fußballspiele fast echt wirken“, sagt Cline.

Es wird noch verrückter werden, wenn Virtual Reality Mainstream wird. Inzwischen sind ja bereits Oculus Rift, Microsoft Hololens und einige andere auf den Markt gekommen. Clines siebenjährige Tochter wird niemals eine Welt mit Kabeln und schrecklicher Grafik kennenlernen. Virtual Reality wird wahrscheinlich an Bedeutung gewinnen, wenn mehr Menschen sie nutzen. Zukünftig könnten unsere Avatare so wichtig sein, wie Facebook und Social Media es jetzt sind.

„Diese ganzen Technologien haben mein Leben tiefgreifend verändert. Ohne sie wäre ich nicht in der Lage, all das zu tun, was ich jetzt tue“, sagt Cline. Die Einführung von haptischem Feedback, besserer Grafik und anderen VR-Verbesserungen scheinen nicht allzu weit von der Realität entfernt zu sein und passen perfekt in Clines Romane. In „Armada“ führen sowohl Aliens wie auch Menschen einen Drohnenkrieg. Vergiss Piloten, die in X-Flüglern ihr Leben riskieren, wenn man stattdessen einen VR-Flugsimulator anschmeißen kann, den man im Laden bekommt.

Die Reise ist für Cline noch nicht zu Ende. Aktuell schreibt er am Drehbuch zu „Armada“.


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© 2015 by Charles Poladian

Mit freundlicher Genehmigung des Autors und der International Business Times. 
Zuerst veröffentlicht auf www.ibitimes.com unter dem Titel “Ernest Cline On 'Armada,' Steven Spielberg Directing 'Ready Player One' And Why Everyone Is A Geek”, 29.07.2015

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