Octavia E. Butlers „Kindred“

REREAD

Alles so soft hier: Über Octavia E. Butlers „Kindred“


Anja Kümmel
13.03.2017

Wäre Octavia E. Butlers Roman Kindred mehr Science als Fiction, könnte man ihn im Jahr 2017 für hoffnungslos veraltet halten – die Zukunft einer Vergangenheit, in der all die Gadgets des Digitalen, die heute unser Leben bestimmen, noch nicht einmal im Ansatz vorhanden waren. Erfreulicherweise jedoch gehört das Buch, das 1979 in den USA erschien, in den Gattungsbereich der „speculative fiction“, sprich: einer Spielart der Möglichkeitsforschung, die technischen Krimskrams gar nicht nötig hat. Auch darum ist es wohl kein Zufall, dass uns gerade jetzt zwei vielversprechende Neuinterpretationen erreichen.

Für alle, die den feministischen SF-Kultklassiker noch nicht kennen, hier der Plot im Schnelldurchlauf: Dana, eine junge Schwarze Frau, die im Jahr 1976 mit ihrem weißen Ehemann Kevin in Kalifornien lebt, wird unversehens in ein Zeitloch gesogen. Was man zunächst für eine Halluzination halten mag, wiederholt sich im Lauf der nächsten Wochen immer öfter. Jedes Mal landet Dana im 19. Jahrhundert, auf einer Südstaaten-Plantage, wo sie ihren Vorfahren begegnet – Alice, der Tochter einer versklavten Frau, und Rufus, dem Sohn des Plantagenbesitzers. Immer, wenn Rufus in Gefahr schwebt, „ruft“ er Dana zu sich, damit sie ihn rettet. Eine interessante Variante des Großvaterparadoxons: Zwar weiß Dana auf rationaler Ebene, dass Rufus auch unabhängig von ihr überleben muss (zumindest so lange, bis ihre Vorfahrin Hagar gezeugt wurde), tatsächlich jedoch verstricken sich die beiden in ein symbiotisches Abhängigkeitsverhältnis, das über weite Strecken den beklemmenden Reiz des Buches ausmacht. Nicht zuletzt, weil Dana im Zuge ihrer Aufenthalte im 19. Jahrhundert das Leid der Plantagensklaven am eigenen Leib zu spüren bekommt und sich in ihrer Beziehung zu Rufus das Hass-Liebe-Verhältnis zwischen Master und Versklavten auf (wortwörtlich) fatale Weise zuspitzt.

Gerade die Tatsache, dass es keine Zeitmaschine, keine kosmische Strahlung, nichts Technologisches oder Übernatürliches gibt, das Danas Zeitreisen erklären könnte, macht den Roman so zeitlos und zugleich offen für Neuinterpretationen. Wobei er natürlich an eine lange Tradition in der SF-Literatur anknüpft: Kurt Vonneguts Schlachthof 5, William Gibsons Das Gernsback-Kontinuum sowie diverse Werke von Philip K. Dick verhandeln das Phänomen einer aus den Fugen geratenen Zeit.

Tatsächlich trifft das Shakespeare-Zitat „The time is out of joint“ auch Butlers populärsten Roman im Kern. Wie Hamlet fühlt Dana sich (unfreiwillig) dazu ausersehen, den Toten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und so die Zeit wieder aufs rechte Gleis zu bringen. Hamlet wird vom Geist seines ermordeten Vaters heimgesucht, Dana von den unvollständig aufgearbeiteten Traumata der afrikanischen Diaspora. Butler präsentiert uns eine Gegenwart, die durchzogen ist von tot geglaubten Ideen und Ideologien, von Körpern und Orten, in die sich das Leid voriger Generationen eingeschrieben hat. Kurz gesagt: Eine Vergangenheit, die nicht vergangen ist.

Nun, 37 Jahre später, werden wir beschert mit zwei Wiedergängern, die auf unterschiedliche Weise den Geist von Kindred wiederbeleben: Zum einen eine deutsche Neuübersetzung des Berliner Independent Verlags w_orten & meer. Zum anderen eine bei Abrams erschienene Graphic-Novel-Adaptation von John Jennings und Damian Duffy.

Als „Octavia Butler, Level 2“ bezeichnet Nnedi Okorafor, die 2016 mit dem Hugo-Award ausgezeichnet wurde, den Comic im Vorwort. Ein Lob, das große Erwartungen weckt. Zunächst ist man vielleicht enttäuscht: Das Artwork, so der erste Eindruck, ist eher schlicht gehalten – wenig Wagnis, kaum künstlerische Experimente – und bleibt hinter seinen Möglichkeiten zurück. Auch das Übermaß an Lautmalerei (CHOP, KRAK, SLAM, KCLUK …) wirkt fehl am Platz bei dem ernsten Thema.

An den Stellen jedoch, an denen das Potential des Mediums voll ausgeschöpft wird, erzielt es eine kraftvolle Wirkung. Das erste Feature, das ins Auge sticht: die farbliche Unterscheidung der Zeitebenen. Danas und Kevins Gegenwart kennzeichnet sich durch entsättigte Farben und einen Sepia-Effekt, den man normalerweise mit alten Fotografien assoziiert. Fällt Dana in ein Zeitloch, taucht sie in eine Welt voller kräftiger Farben, die sich, wenngleich düster, weitaus „realer“ anfühlt als 1976 – so z.B. die schwarz-violette Sturmnacht, in die sie hinein geschleudert wird, um Rufus vor dem Ertrinken zu retten.

Da die Zeit 1976 viel schneller vergeht als 1815, nimmt die Vergangenheit immer mehr Raum ein. Zunächst macht sich Dana an den Versuch einer Wiedergutmachung, einer Korrektur der Geschichte auf der Plantage: Sie bringt einigen versklavten Kindern das Lesen und Schreiben bei und versucht Rufus‘ Denken zu beeinflussen. Zugleich wiederholt sie quasi obsessiv die unbewältigten Traumata ihrer Vorfahren. Ein brutales Re-Enactment: Immer wieder sieht man die Peitsche knallen, immer wieder spritzt Blut über den Bildrand hinaus. Ohne allzu sehr auf Schockeffekte zu setzen, illustriert dieser deprimierende Loop aus Unterdrückung, leisem Widerstand und erneuter Unterwerfung die Tatsache, dass die Grausamkeit gerade in der Normalisierung liegt, in ihrer fortgeschriebenen Wiederholung.

Bei ihren ersten, kurzen Besuchen fühlt sich Dana als Zuschauerin eines grotesken Historienspektakels. Sie begibt sich in die Rolle einer Sklavin, um nicht aufzufallen, wobei ihr die Denk- und Sprechweise von 1976 als geistiges und emotionales Schutzschild dient. Im Comic wird ihr modernes Denken an mehreren Stellen ihrem angepassten Sprechen gegenübergestellt (Denkblase: „None of your business, bitch!“ – Sprechblase: “Yes, Ma’am.”). Perfiderweise jedoch dehnen sich in der Vergangenheit die wenigen Minuten ihrer Abwesenheit auf Monate, gar Jahre aus. Erst schleichend, dann unumkehrbar dringen ihr die Herrschaftsverhältnisse unter die Haut. Immer öfter ertappt sich Dana dabei, wie sie andere Versklavte zur Vorsicht ermahnt, wie sie Alice sogar dazu rät, sich Rufus „freiwillig“ zu unterwerfen, um noch größere Schmerzen zu vermeiden.

Simple, unkomplizierte Emotionen gönnt uns Butler ebenso wenig wie eindeutige Gut/Böse-Schemata. Zwar entwickelt sich Rufus, je älter er wird, immer mehr zum skrupellosen Sklavenhalter und Vergewaltiger. Zugleich jedoch ist er ein hochgradig depressiver, selbstzerstörerischer Charakter – eine Ambivalenz, die der Comic eindrücklich einfängt. In seinen grünen Augen spiegeln sich Missgunst und Schadenfreude, immer wieder aber auch der Trotz des kleines Jungen, der es gewohnt ist, alle Wünsche erfüllt zu bekommen, und den dennoch nichts wirklich glücklich macht.

Besonders deutlich wird die verstörende Ähnlichkeit zwischen Dana und Rufus im Showdown – sie bekämpfen einander bis aufs Blut, und verschmelzen zugleich in zwei aufeinanderfolgenden Panels durch den Zusammenschnitt ihrer Gesichtshälften zu einer einzigen Person.

Als Happy End kann man Danas und Kevins Rückkehr in die blasse Wirklichkeit von 1976 nicht gerade bezeichnen. In gewisser Weise sind die beiden zu Zeitreisenden aus der Vergangenheit geworden, die mit ihrer Gegenwart – die nun für sie zu einer unheimlichen, unübersichtlichen Zukunft geworden ist – nicht mehr zurechtkommen. „Everything here is so soft. So easy“, murmelt Kevin irritiert vor sich hin. Unwiderruflich kleben an ihnen die Wunden und Narben der Vergangenheit, ein leichter Südstaatenakzent, und das Gefühl, kein Zuhause mehr zu haben. Und die Panels, die Danas und Kevins Gegenwart zeigen, verflachen mehr und mehr zu vergilbten Fotografien.

Mit solcherlei Effekten kann die deutsche Neuübersetzung natürlich nicht aufwarten. Dafür besitzt sie – wie jedes Buch, das sich allein aufs gedruckte Wort verlässt – einen anderen großen Vorteil: Danas Hautfarbe wird nicht sofort verraten. Und dieser Kunstgriff ist im Original von durchaus zentraler Bedeutung. Butler etabliert als Erzählinstanz und Identifikationsfigur eben keinen weißen Mann, sondern eine Schwarze Frau, und zieht uns umstandslos hinein in diese vermeintlich „neutrale“ Sichtweise. Als Schwarze Autorin schreibt Butler zunächst einmal für Schwarze Frauen – allen anderen verlangt sie einen spannenden, vielleicht auch irritierenden Perspektivwechsel ab. Dieses „positionierte Schreiben“ erfordert ein „positioniertes Übersetzen“, wie im Vorwort der Neuübersetzung Kindred – Verbunden ausführlich erläutert wird. w_orten & meer hat es sich zur Aufgabe gemacht, antidiskriminierendes Handeln in Sprache zu übertragen, und dieser dezidiert politische Ansatz spiegelt sich in den außerordentlich hilfreichen Anmerkungen wider, die dem Roman vorausgehen. Während die Erstübersetzung von 1983 eher unsensibel mit rassistischen und anderweitig diskriminierenden Begriffen umging (und damit eben kein „positioniertes Übersetzen“ repräsentiert), sorgt die Neufassung dafür, dass nicht nur Danas Gegenwart von Vergangenem durchzogen wird, sondern dass umgekehrt auch die Vergangenheit gesättigt ist mit den Ideen und Sprechweisen unserer heutigen Gegenwart.

Diese Sensibilität entsteht natürlich nicht in einem Vakuum; sie fußt auf einer langfristigen Beschäftigung mit Sprachpraxis, „critical whiteness“ und der Auseinandersetzung mit Schwarzen Communitys inner- und außerhalb Deutschlands. Um nur einige der Grundüberlegungen zu nennen, welche die Neuübersetzung beeinflusst haben: Rassistische Sprache funktioniert im Englischen anders als im Deutschen. So würden bestimmte Begriffe, wortwörtlich übersetzt, im Deutschen andere Assoziationen hervorrufen. Die Frage, ob traumatisierende Begriffe – wie z.B. das N-Wort – verwendet werden sollten, wurde nicht von einer Instanz (z.B. einem Verleger/einer Übersetzerin) entschieden, sondern innerhalb der afrikanischen Diaspora diskutiert.

Das Resultat ist mitnichten ein rein linguistisches Experiment, das um jeden Preis „politisch korrekt“ sein will. Die Art und Weise der Sprachverwendung macht tatsächlich etwas mit uns Leser_innen, zeigt Herrschaftsverhältnisse auf und stößt Denkprozesse an.

Beispielsweise entschied sich die Übersetzerin dafür, nicht die Sprache der Versklavten von der „Norm“ abzuheben (im Original sprechen sie einen Dialekt, dessen Wurzeln in Westafrika liegen), sondern vielmehr Dana eine „Sprache der Zukunft“ sprechen zu lassen. Auf den ersten Blick mag es austauschbar erscheinen, ob von „Sklaven“ oder „Versklavten“ die Rede ist – aber Sprache ist eben auch ein Machtinstrument, das unser Denken nachhaltig beeinflusst. Während die Bezeichnung „Sklave“ auf eine „natürliche“ Identität zu verweisen scheint, bringt der Begriff „Versklavte“ den Bedeutungsgehalt der gewaltvollen Zurichtung viel stärker zum Ausdruck. Und so schält sich auch der für Butler zentrale Satz „Sklaverei war ein langer, langsamer Prozess des Dumpfwerdens“ in der Neuübersetzung viel deutlicher heraus als in der Version von 1983. Ähnlich sieht es mit den durch Großschreibung bzw. Kursivsetzung markierten Begriffen „Schwarz“ und „weiß“ aus, die – wie im Vorwort ausführlich erläutert – eben nicht eine bestimmte Hautpigmentierung bezeichnen, sondern über Jahrhunderte gewachsene politische Konstrukte. So bietet die Neufassung nicht zuletzt Anlass, über eigene Privilegien und Diskriminierungserfahrungen nachzudenken – und zollt damit auch den politischen Anliegen der Grande Dame der Schwarzen feministischen Science Fiction einen angemessenen Tribut.

Über die Autorin

Anja Kümmel

Anja Kümmel wurde 1978 in Karlsruhe geboren. Sie studierte Gender Studies und Spanisch in Los Angeles, Madrid und Hamburg. Heute lebt sie als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Neben zahlreichen Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlichte sie fünf Romane: „La Danza Mortale“ (2004), „Das weiße Korsett“ (2007), „Hope’s Obsession“ (2008), „Träume Digitaler Schläfer“ (2012) und „V oder die Vierte Wand“ (2016). www.anjakuemmel.com

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