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KOLUMNE

Fantasyromane schreiben (Teil 8): Eine Handlung planen


Du hast schon eine Idee, Figuren und Welt zeichnen sich ab, aber du hast es noch vor dir, einen schlüssigen Plot zusammenzuzimmern? Oder du hast schon einige Szenen geschrieben und weißt noch nicht ganz, wo sich deine Geschichte hinbewegt?

Mach dir Stichworte für deine Handlung –, in eine Datei, auf Karteikärtchen, in dein Ideenbuch. Was steht im Mittelpunkt des Romans, was könnte sich daraus alles ergeben, welche Figuren könnten darin verwickelt sein? Jetzt ist es an der Zeit, einfach drauflos zu fabulieren, verschiedene Handlungswege zu durchdenken und entweder zu verwerfen – wenn sie dich nicht überzeugen – oder weiterzuverfolgen, wenn dein Bauchgefühl ruft „Ja, das könnte was sein!“

Am Plot zu arbeiten kann sich über längere Zeit hinziehen, aber es ist wichtig, dass du dranbleibst. Sammele Ideen, mach dir Notizen, klebe bunte Zettel an Wände ... was auch immer für dich funktioniert. Geh auf lange Spaziergänge oder mach irgendetwas anderes, bei dem du gut die Gedanken schweifen lassen kannst, und nimm immer, immer Schreibzeug oder ein Smartphone mit Notiz-App mit.

 

Was für eine Geschichte willst du erzählen?

Bei der Plotentwicklung hilft dir vielleicht die Einteilung von Orson Scott Card. Seiner Theorie nach gibt es, abhängig vom Schwerpunkt der Handlung, vier verschiedene Typen von Fantasyromanen.  Welcher Romantyp liegt dir am meisten? Scotts Einteilung kannst du gleich für die Plotentwicklung nutzen, dabei helfen dir folgende Fragen:

  • Weltgetriebene Geschichten (Milieu Story)
    Eine ausgefeilte, komplexe, staunend machende Welt – oder die Familie, der Clan, das Volk, das Reich – stehen im Mittelpunkt, die Figuren sind erst an zweiter Stelle wichtig. Aktuelles Beispiel: Die Blausteinkriege von T.S. Orgel, in der der Niedergang der Welt Berun und seiner magischen Blausteine im Mittelpunkt steht und eine Vielzahl von erzählenden Figuren ein Panorama webt.
    Dein Plot: Was ist das Besondere, Unverwechselbare an deiner Welt? Interessieren dich besonders die vielfältigen Menschen, Wesen und Geschichten, die darin schlummern? Wirf wie Gott einen Blick auf Reiche, Länder, Städte, Völker, Clans … und überlege dir, was du mit ihnen anstellen könntest. Welche Konflikte gibt es?
  • Geheimnisgetriebene Geschichten (Idea Story)
    In diesen Romanen wird ein Geheimnis Schritt für Schritt gelüftet, und man liest weiter, weil man erfahren möchte, was dahintersteckt. Beispiel: Grauwacht von Robert Corvus, in der ein mysteriöses, möglicherweise sehr bedrohliches Ereignis bevorsteht ... aber was haben die Anzeichen zu bedeuten?
    Dein Plot: Was für ein Geheimnis könnte es in deinem Roman geben? Denk dir ein paar seltsame Vorkommnisse aus, die dich selbst neugierig machen würden – die Erklärung dafür kannst du dir später noch aus den Fingern saugen. Andere Übung: Denk dir klangvolle, neugierig machende oder ungewöhnlich klingende Titel für deinen geplanten Roman aus und überleg dir dann, was für eine Geschichte sich dahinter verbergen könnte.
  • Ereignisgetriebene Geschichten (Event Story) 
    Nach Card ist das die häufigste Form. Irgendetwas stimmt nicht in der Welt, es gibt Umwälzungen, negative Ereignisse – die Welt muss wieder ins Lot gerückt werden – und das geschieht am Schluss des Romans auch. Klassisches Beispiel ist Der Herr der Ringe.
    Dein Plot: Welche Probleme hat deine Welt? Was für Ereignisse könnten das geruhsame Leben dort aus der Bahn werfen? Denk nicht nur an Kriege und dergleichen, auch Verstöße gegen Tabus oder eine schockierende Tat eignen sich. Was müssen deine Hauptfiguren retten oder wiederherstellen?
  • Figurengetriebene Geschichten (Character Story) 
    In diesem Romanen steht eine bestimmte Figur im Mittelpunkt – sie bricht aus ihrer bisherigen Rolle in der Gesellschaft, ihrer Familie o.ä. aus, um neue Wege zu gehen. Ihre Entwicklung ist es, die das Buch spannend macht. Bestes Beispiel dafür ist Patrick Rothfuss´ Der Name des Windes, der um die Entwicklung von Kvothe kreist. 
    Dein Plot: Hast du eine besondere, charismatische oder von ihrer Vorgeschichte her interessante Hauptfigur? Welche Entwicklung muss sie auf ihrem Weg noch durchlaufen, aus welcher Rolle bricht sie aus? Welche wichtige Aufgabe könnte deine Figur haben?

Orson Scott Cards Kategorien sind für Autoren nützlich und geben gute Anregungen. Aber Achtung: es macht keinen Sinn, sich verzweifelt darüber den Kopf zerbrechen, in welche davon dein Roman passen könnte. Denn manchmal ist es vielversprechender, wenn du die Formen mischst. Viel Spaß beim Experimentieren!

 

Die Queste beginnt

Wenn du über deinen Plot nachdenkst, wirst du vermutlich irgendwann geistig bei der Heldenreise vorbeikommen. So nennt man eine Struktur, die Mythenforscher Campbell in vielen Mythen und Legenden gefunden hat: Ein eher unbedarfter junger Mensch muss eine große Aufgabe erfüllen, weigert sich erst, seine Bestimmung anzunehmen, zögert, und bricht dann doch auf zu einer Reise, die zu einer Initiation wird. Er findet einen weisen Mentor auf seiner Reise, muss sich in zahlreichen Prüfungen bewähren, Versuchungen widerstehen und Verbündete finden. Schließlich muss er sich mit dem Vater versöhnen und mit einem großen Gegner messen, bevor ihm die Rückkehr gelingen kann.

Kommt dir bekannt vor? Aber klar doch. Diese uralte Struktur findet sich auch in vielen Romanen und Filmen, da sie von nicht wenigen Ratgeber-Autoren als Bestsellergarant verkauft wurde und wird. George Lucas hat seine StarWars-Filme ganz bewusst danach entwickelt und auch in neueren Werken wie Eragon findet sie sich. Die Struktur kann noch immer funktionieren, ABER sie nervt erfahrene Fantasyleser ganz furchtbar, weil sie längst zu einer Anleitung geworden ist, wie man Durchschnittsgeschichten nach dem Baukastenprinzip entwickelt. Wenn du dich also an der Heldenreise orientierst, dann tust du es auf eigenes Risiko.

Das hat nichts damit zu tun, dass Hauptfiguren in einem Roman sehr oft auf eine Reise (auch Queste genannt) gehen. Irgendetwas müssen sie ja tun, nur wenige spannende Plots entstehen daraus, dass sie in ihrem Dorf auf ihrem Hintern sitzen bleiben. Der Autor John Gardner hat einmal gesagt: „There are only two stories: a man goes on a journey or a stranger comes to town.” Es ist jeweils die Veränderung, das Unbekannte, das Unberechenbare, das die Handlung in Gang bringt. Und Leser neugierig macht. Aber lass dich von solchen Zitaten und Vorbildern nicht einengen – wenn deine Geschichte im Heimatort der Figur spielen soll und sich die Entwicklung dieser Figur dort vollzieht, dann zieh das so durch. An deinem Bauchgefühl und der Reaktion der ersten (Test-) Leser wirst du merken, ob es funktioniert.

Auch in Das Ende aller Zeiten schickt Adrian J. Walker seine Hauptfigur Edgar auf eine Reise. Edgar Hill ist ein von seinem Leben frustrierter, mit sich selbst unzufriedener Mann mit Frau und zwei kleinen Kindern. Als sich England durch eine Katastrophe in eine lebensfeindliche Wüste verwandelt, ist er gezwungen, zu handeln. Als seine Familie bei der Evakuierung von ihm getrennt wird, macht er sich auf einen verzweifelten Lauf quer durch das zerstörte England, um sie wiederzufinden. Es ist eine ganz andere Art der Heldenreise, eine, in der kein auserwählter Jüngling im Mittelpunkt steht. Edgar mutiert keineswegs zum Helden, und er muss mit dem klarkommen, was er aus sich gemacht hat in den letzten Jahren. Doch er entdeckt auch eine Entschlossenheit in sich, die er nicht für möglich gehalten hätte. Er muss auf seinem Weg das Böse in vielen Gestalten besiegen – keine finstere Bedrohung, sondern das Böse, das leider Teil des Menschseins ist. Wie in der klassischen Queste findet er überraschende Verbündete, muss Begegnungen mit dem Feind überstehen und sich seinen Gefühlen stellen. Auch ein alter, weiser Mentor tritt auf, ohne ihn hätte Edgar keine Chance. Viele Bestandteile der Heldenreise sind also vorhanden – doch die vielschichtigen, interessanten Figuren und die Art, wie Walker sie miteinander verknüpft, sorgen dafür, dass man seinen Roman nie mit dem Aufschrei „Klischee!“ zur Seite legen möchte.

 

Planen oder nicht planen?

Inzwischen hast du vielleicht einige Ideen für deinen Plot bekommen – nun ist die konkrete Planungsphase dran. Was, wann, wo und wer mit wem. Anfang, Mitte, Schluss.

Vielleicht bist du der Typ, der nicht gerne plant, einfach in die Geschichte hineinspringt und dann schaut, wohin sie führt? Das sei dir gegönnt, auch manche Profi-Autoren arbeiten so und es kommen dabei tatsächlich gute Bücher heraus. Aber sei darauf vorbereitet, dass das Schreiben dadurch deutlich länger dauern wird und du öfter Schreibblockaden haben wirst, weil du nicht genau weißt, wie es weitergehen soll. Ich selbst schreibe zu meinen Romanen erst einmal den Klappentext – das ist Gold wert, um den roten Faden der Geschichte im Auge zu behalten – und verfasse anschließend ein ausführliches Exposé, also eine Beschreibung der Handlung auf etwa drei bis fünf Seiten. Dieses Exposé brauche ich nicht nur für meinen Agenten und den Verlag, es ist auch nützlich, weil ich dadurch gezwungen bin, die Handlung von Anfang bis Ende zu durchdenken. Wenn ich mir diese Arbeit gemacht habe, kann ich mich nach der Detailplanung vor Projektbeginn einfach in den Schreibflow werfen und ihn genießen. Denn ich weiß zu jeder Zeit, wo ich hinwill.

Natürlich baue ich dabei zahllose spontane Ideen ein, und außerdem kann es vorkommen, dass die Figuren andere Vorstellungen von der Plotentwicklung haben als ich (dann folge ich ihnen, denn sie wissen es meist besser). Manchmal merke ich auch, dass etwas nicht so funktioniert, wie ich das am Reißbrett entwickelt habe, und füge einen Handlungsstrang hinzu oder werfe etwas anderes komplett raus. Gelegentlich entscheide ich erst am Ende, ob wichtige Figuren wirklich sterben oder nicht. Daumen hoch oder Daumen runter ... auch die Testleser haben bei solchen Entscheidungen ein Mitspracherecht. Eine von ihnen, Jesse Zacharo, kann sich seither brüsten, dass sie ihrer Lieblingsfigur in meinem Roman Floaters – Im Sog des Meeres das Leben gerettet hat.

 

Der Aufbau deines Plots

Der klassische Aufbau eines Romans folgt der Drei-Akt-Struktur, die aus der Theater-Dramaturgie stammt und dir schon tausend Mal in Romanen und Filmen begegnet ist. Dass sie so oft verwendet wird, ändert nichts an ihrer Nützlichkeit. Hier nur eine ganz grobe Übersicht:

  • Im ersten Drittel, also dem ersten Akt, wird der Grundkonflikt vorgestellt, wir lernen die Figuren kennen. Der erste Akt endet oft mit einem dramatischen Wendepunkt, Drehbuchautoren wie Syd Field nennen das „Plot point“.
  • Im zweiten Akt spitzt sich die Handlung zu, der Hauptkonflikt wird voll ausagiert. Auch der zweite Akt mündet in einen Wendepunkt, an dem das Schicksal der Hauptfiguren einen neuen, vielleicht überraschenden Weg nimmt.
  • Im dritten Akt findet der Showdown statt, für den ich bei meinen Romanen mindestens ein Viertel des Romans, meist eher ein Drittel, einplane. Danach sollte genug Zeit sein für einen ruhigen Ausklang, damit sich die Leser von den Figuren verabschieden können und Klarheit über ihr Schicksal herrscht (außer natürlich, es ist ein offenes Ende).

Diese unsichtbare Struktur kann dir helfen, deinen Plot zu gliedern. Manchmal habe ich den einzelnen Teilen sogar Namen gegeben und sie ins Manuskript integriert – diese Struktur findet sich zum Beispiel in meinem High Fantasy-Roman Nachtlilien. Es kann dem Leser Halt und Orientierung geben, wenn du deinen Roman in drei, vier oder fünf einzelne Teile gliederst, besonders, wenn das Buch sehr lang ist. Aber natürlich muss das nicht sein.

 

Zeit für den Gegencheck

Während du an der Handlung arbeitest, ist es sinnvoll, sie hin und wieder mit jemandem zu diskutieren, der sich für dein Projekt interessiert. Besonders sinnvoll ist ein solcher Gegencheck dann, wenn man das Gefühl hat, dass etwas daran noch nicht ganz passt. „Es gab einmal einen Roman von Andreas Eschbach, Der Letzte seiner Art, bei dem er sich im Nachwort für die eine Frage bedankte, die ich als Lektor ihm gestellt hatte“, berichtet Helmut W. Pesch, lange Jahre Fantasy- und SF-Lektor bei Bastei-Lübbe. „Die Geschichte erzählt von einem Cyborg, der im Rahmen eines militärischen Programms zu einem Supersoldaten gemacht werden sollte. Das Experiment ging schief, und so gewährte man ihm für den Rest seines vermutlich kurzen Lebens in einem kleinen irischen Dorf sein Gnadenbrot. Mir erschien der Roman zu kurz und zu eindimensional, und so fragte ich: ‘Was ist mit den anderen?‘“ Den Menschen, die ebenfalls aus den unterschiedlichsten Gründen an diesem Programm teilgenommen hatten. Indem Andreas ihre Stories in die Hauptgeschichte einflocht, wurde diese auf einmal größer, weil sie unterschiedliche Einstellungen gegenüber dem Leben aufzeigen konnte. Er hat das brillant gemacht. Darum mein Rat an Fantasy-Autoren: THINK BIG! Bleibe nicht stur bei deiner Hauptfigur, die ja vielleicht nur dein Avatar, deine eigene Projektion ist. Denk auch an die anderen.“

Noch ein letzter Tipp von mir: Besonders unerfahrene Autoren neigen dazu, ihre Handlung etwas zu vorhersehbar zu gestalten, also baue genügend unerwartete Wendungen ein! Vielleicht ergibt sich ja auch eine überraschende Wendung, während du schreibst, aus den Figuren oder den Ereignissen heraus. Viel Spaß!



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Du möchtest einen Fantasyroman schreiben oder bist schon mitten dabei und hättest gerne ein wenig Unterstützung von einer erfahrenen Autorin? Kein Problem. In meinen Artikeln, die auf meinem „Handbuch für Fantasy-Autoren“ basieren, geht es um handwerkliche Techniken und Tricks, die ich selbst gerne gekannt hätte, als ich meinen ersten Fantasyroman schrieb.

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