Royal Blood - Schattenkrone - Interview mit Eleanor Herman

INTERVIEW

"Die beste YA-Literatur zerlegt unsere falschen Vorstellungen wie ein scharfes Messer". Eleanor Herman im Interview


TOR Online
23.02.2017

Regelmäßig stellen wir auf TOR ONLINE Autorinnen phantastischer Literatur vor. Dieses Mal befragen wir die NEW YORK TIMES-Bestsellerautorin Eleanor Herman zu ihrem neuen Roman "Royal Blood - Schattenkrone" (FISCHER FJB). Die Autorin verlegt die Geschichte von Alexander dem Großen in ein episches Fantasy-Setting. Eine spannende Mischung aus historischer Fantasy und Weltgeschichte, finden wir...


Darum geht es im Roman "Royal Blood - Schattenkrone"

Der junge Prinz Alex ist zu Großem bestimmt. Er steht kurz davor, für immer aus dem Schatten seines mächtigen Vaters zu treten und selbst ein großer Herrscher zu werden. Doch das erweist sich als größte Herausforderung seines Lebens. Denn am Hofe seines Vaters schreckt niemand vor Verrat und Intrigen zurück.

Als Alex der geheimnisvollen Kat begegnet, spürt er sofort eine Verbindung zu ihr und nimmt sie in sein Gefolge auf. Beide ahnen nichts von dem Schicksal, das sie teilen. Außerdem  verfolgt Kat ihren ganz eigenen Plan. Wird sie eines Tages zur Gefahr für Alex werden? Oder wird sie am Ende selbst das Opfer sein? Wer steckt mit wem unter einer Decke?

 

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TOR ONLINE: Mit welchen fünf Wörtern würden Sie "Royal Blood - Schattenkrone" beschreiben?

Eleanor Herman: Magisch. Mysteriös. Spannend. Komplex. Fesselnd.

Was inspiriert Sie beim Schreiben?

Für mich ist das Leben eine Serie von Geschichten: Mein Leben, Ihr Leben, das Leben aller Menschen, die je gelebt haben. Diese Geschichten – diese Leben – strömen über von Schönheit, Tragik und Mut, sie lehren uns zu leben. Sie lehren uns zu lieben. Geschichten verleihen dem Leben einen Sinn, ohne sie wäre das Leben nur eine Abfolge zufälliger, sinnloser Ereignisse. Die Tatsache, dass ich die Geschichten anderer Menschen aufschreiben darf, begeistert mich und bringt mich zum Staunen.

Sie sind Historikerin mit einem Hintergrund in vielen Epochen. Was hat sie an der Geschichte von Alexander dem Großen angezogen?

Alexander war die zentrale Figur der antiken Welt. Seine Eroberungen im Osten ermöglichten einen Handel und einen kulturellen Austausch, der ganze Zivilisationen verwandelte. Als Folge dieser Entwicklungen brachten die großen Karawanen die aus Asien nach Europa unterwegs waren, Luxusgüter, neue Nahrungsmittel und – noch wichtiger – neue Vorstellungen von Staatsführung, Religion, Wissenschaft, Medizin, Architektur – die Liste ist endlos. Seit Alexander diese Tür zwischen Ost und West geöffnet hat, ist die Welt nicht mehr dieselbe.

Was seinen Charakter angeht, so war Alexander bekannt für seinen Unerschrockenheit, seinen Mut, seine strategische Brillanz und sein überwältigendes Charisma. In gewisser Weise war er sehr modern. Beispielsweise zeigte er seinen Feinden gegenüber außergewöhnliche Milde, wenn sie fair und tapfer gekämpft hatten, was zu einer Zeit, in der Massaker und Versklavung zum Alltag gehörten, praktisch unbekannt war. In seiner Armee förderte er die Vielfalt, indem er auch nicht-griechische Soldaten willkommen hieß und oft deren Waffen, Taktiken und Kleidung übernahm, was unter den Griechen für großen Unmut sorgte.

Wie viele Menschen hatte Alexander ein problematisches Familienleben. Seine Mutter galt als Hexe. Sein Vater war hart und meistens nicht anwesend, seine Schwester wollte eine Amazone sein, sein Bruder war geistig behindert. Bis zum Tod seines Vaters hatte er keinerlei Macht, und weil er noch so jung war, hörten weder König Philipp noch seine Ratgeber auf ihn. Es ist faszinierend, sich vorzustellen, wie er mit sechzehn war, auf dem Wendepunkt zu dem Mann, der die Welt verändern würde.

Ist die Magie in der Welt von "Royal Blood - Schattenkrone" von den Glaubensvorstellungen der Menschen abgeleitet, die 340 vor Christus gelebt haben?

Ja, zum großen Teil. Es war eine Welt, in der alles, sogar Bäche und Bäume, belebt war mit Elfen, Kobolden, Göttern oder Geistern, die – wenn man sie bezahlte – möglicherweise bereit waren zu tun, was man von ihnen wollte. Ich habe viele Jahre die Religionen und Überzeugungen der antiken Welt erforscht, habe die großen Tempel und Orakel besucht und Zeit in afrikanischen Dörfern verbracht, wo solche Glaubensvorstellungen noch heute existieren. Es ist eine sehr schöne, magische, facettenreiche, wenn auch ein bisschen furchterregende Welt. Die Zaubersprüche, Rituale und Flüche im Buch habe ich in Büchern über alte Magie gefunden.

Sie haben mehrere Sachbücher für Erwachsene geschrieben. Was hat Sie dazu gebracht, einen YA-Roman zu schreiben?

Es gibt einen Grund, warum YA-Romane im Moment so gefragt sind. Verglichen mit erwachsener Romanliteratur sind sie häufig rasanter, bissiger, spannender. Es gefällt mir, dass so viele davon in die Erwachsenenliteratur überwechseln. Denn ganz gleich, wie alt wir sind, wollen wir doch alle wissen, wer wir sind, wie die Beziehung zu unseren Eltern uns geformt hat, ob unsere Freunde uns wirklich mögen und wohin wir gehören in der Welt. Wenn man älter wird, denkt man vielleicht, dass man alle Antworten kennt, und man schafft es auch besser, so zu tun, als ob das stimmte, aber psychologisch gesehen ist unser Teenager-Anteil immer vorhanden. Die beste YA-Literatur zerlegt unsere falschen Vorstellungen wie ein scharfes Messer und fordert uns heraus, uns wichtigen, wenn auch manchmal unbequemen Fragen zu stellen. Jedes Buch, das wir lesen, sollte uns helfen, etwas über uns zu lernen – über unseren Schmerz, unsere Wut, unsere Güte, unsere Liebe, unsere Furcht und unsere Einsamkeit. Am Ende einer Geschichte sollten wir immer ein kleines bisschen klüger, nachdenklicher und emotional reicher sein, als wir es am Anfang waren.

Erzählen Sie uns ein bisschen etwas über sich selbst. Was haben Sie als Teenager gelesen?

Als Jugendliche in Baltimore, Maryland, hatte ich den Spitznamen „Ein-Buch-pro-Tag-Eleanor“. Ich habe mir die Augen ruiniert, weil ich in den Sommerferien pro Tag mindestens ein ganzes Buch lesen wollte. Wenn meine Mutter mich ins Bett geschickt hat, habe ich mit der Taschenlampe unter der Decke weitergelesen. Manchmal ist sie zur Kontrolle reingekommen, hat mir die Taschenlampe weggenommen und mich ausgeschimpft, ich soll endlich schlafen. Dann habe ich das Buch unter meinen Schlafanzug geschoben und bin ins Bad gegangen, habe mich eingeschlossen und so getan, als hätte ich Verstopfung, damit ich weiterlesen konnte. Sie hat an die Tür geklopft und behauptet, wenn ich so lange auf dem Klo säße, würde der Sitz eine Kerbe in meinen Schenkeln hinterlassen, die ich nie mehr wegkriegen würde. Sie hatte recht. Ich hab die Dellen immer noch.

Damals war die Jugendliteratur nicht so toll wie heute. Wenn ich jetzt ein Teenager wäre, würde man mich wahrscheinlich „Zwei-Bücher-Pro-Tag-Eleanor“ nennen, ich wäre vermutlich ganz und nicht nur teilweise blind, und die Kerben in meinen Beinen wären noch viel schlimmer. Aber ich liebte Jane Eyre, Wuthering Heights, die Romane von Jules Verne, die Romane und Biographien über die sechs Frauen von Henry VIII. und über andere Königsfrauen. Ich frage mich bis heute, wer ich gewesen wäre, wenn ich in einer anderen Zeit gelebt hätte, als die menschliche Natur zwar gleich, aber alles Übrige anders war. Woran hätte ich geglaubt? Was für ein Leben hätte ich gehabt?

Wie sieht Ihr Recherche-Prozess aus?

Ich recherchiere auf zwei Arten. Eine davon ist sehr ordentlich und gut geplant. Ich lese alles, was ich über verschiedene Aspekte der antiken Welt finde: Magie, Religion, Reise, Kriegsführung, Medizin, Kriegerinnen et cetera. Es sind viele Texte überliefert, und ich habe sie alle gelesen. Und ich lese auch Bücher von modernen Wissenschaftlern über die neuesten historischen Interpretationen und Ausgrabungen.

Meine andere Art der Recherche ist punktuell, vollkommen ungeplant und chaotisch, macht aber sehr viel Spaß. Sagen wir mal zum Beispiel, ich schreibe eine Szene, in der eine Person einen Schild trägt. Wie haben antike Schilde ausgesehen. Woraus waren sie gemacht? Ich fange an zu googeln, bewege mich von einer Seite zur nächsten, drucke Bilder aus und lasse mich total vom Schreiben ablenken. Aber wenn ich fertig bin, weiß ich alles über Schilde und habe einen großen Ordner voll mit Ausdrucken zu diesem Thema. Und dann muss ich mir wieder ins Gedächtnis rufen, wo ich eigentlich beim Schreiben war.

Über die Autorin

Eleanore Herman

© Sigrid Estrada


Eleanor Herman ist New-York-Times-Bestsellerautorin und Meisterin des Cliffhangers. Gekonnt verwischt sie die Grenzen zwischen historischen Skandalen und epischer Fantasy, um in ›Royal Blood‹ die Geschichte des brillantesten Herrschers aller Zeiten neu zu erzählen – Alexander dem Großen. 

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