Mit „Der Hobbit“, „Der Herr der Ringe“ und „Simarillion“ hat Tolkien die Fantasy zu dem gemacht, was sie heute ist.

© erik_stein / pixabay

ESSAY

Ohne Tolkien keine Fantasy. Eine Hommage zum 125sten Geburtstag des Professors


Am 3. Januar 2017 wäre J. R. R. Tolkien 125 Jahre geworden. Mit „Der Hobbit“, „Der Herr der Ringe“ und „Silmarillion“ hat er die Fantasy zu dem gemacht, was sie heute ist. Frank Weinreich über einen der wichtigsten Autoren der Phantastik.

Ohne Tolkien keine Fantasy? Das stimmt natürlich nicht – sicher gäbe es die Fantasy als Genre auch ohne John Ronald Reuel Tolkien, der vor eineinviertel Jahrhunderten, am 3. Januar 1892, in der Ortschaft Bloemfontein im heutigen Südafrika geboren wurde. Man denke nur an ältere oder zeitgenössische Fantasy von William Morris über Lord Dunsany bis zu Robert E. Howard, dem Autor von Conan dem Barbaren. Aber irgendwie stimmt es eben doch, denn das Genre Fantasy würde heute komplett anders aussehen, wenn es Mittelerde nie gegeben hätte.

Stilbildende, auflagenstarke Welten wie Raymond Feists Midkemia oder Joanne K. Rowlings Hogwarts wären ohne diese Inspiration nie so erzählt worden, wie beide Bestsellerautoren selbst gesagt haben. Die Völkerromane eines Bernhard Hennen, Markus Heitz, Christoph Hardebusch hätten es sehr schwer gehabt, einen Verleger zu finden, ohne den überwältigenden kommerziellen Erfolg der Tolkienverfilmung von Peter Jackson, der gute Verkäufe ähnlich gelagerter Bücher versprach. Rollenspielwelten wie AD & D oder Das Schwarze Auge bauen auf Tolkiens Schöpfung, ihren Völkern und Themen auf ... und wie viele heute einflussreiche Genreautorinnen und Regisseure haben überhaupt erst angefangen zu schreiben oder zu filmen, weil sie die Fantasy im Spiel richtig verstehen lernten?

Das Motto der Deutschen Tolkiengesellschaft – Ohne Tolkien keine Fantasy – ist also mehr als nur eine Provokation, sondern eine allenfalls leicht übertriebene Zusammenfassung der Bedeutung eines der wichtigsten Autoren der Phantastik. Wobei das Prädikat „wichtigster Autor“ schnell vergeben ist und im – na, sagen wir mal sehr meinungsfreudigen - Fach der Literaturkritik oft recht freihändig zugeteilt wird. Doch was Tolkien betrifft, so lassen sich eine Reihe von Indikatoren und Argumenten finden, die diesem Werturteil solide Substanz verleihen.

Großvater J. R. R. Tolkien

Die schiere Anzahl der verkauften Bücher etwa und die Einspielergebnisse der Verfilmungen. Auch die enorme Wertschätzung der Genrekolleginnen und -kollegen ist ein Hinweis. Nicht wenige würden wohl Raymond Feists Einschätzung, dass Tolkien ihrer aller „Großvater“ sei, „ohne den sie nicht hier wären“, unterschreiben. Und dass die Wissenschaft - und zwar nicht nur die der Literatur und schönen Künste, sondern bis hin zu Philosophen, Psychologen und Biologen - sich mit ihm in tausenden von Büchern und Aufsätzen beschäftigt, ist auch ein nicht zu unterschätzender Anhaltspunkt dafür, dass Tolkiens Fiktionen etwas zu sagen haben.

Die genannten Indikatoren erklären die Bedeutung Tolkiens jedoch noch nicht, denn sie sind Symptome, aber nicht Ursache des Erfolgs. Der Grund für die Aufnahme von Tolkiens Schöpfungen in allen Kulturkreisen dieser Welt, unabhängig von deren vorherrschender religiöser und weltanschaulicher Ausrichtung, ist in dem Zusammenspiel von durchdachter Weltenschöpfung und bewegenden Geschehnissen zu finden.

Mittelerde als Sehnsuchtsort

Tolkien nahm den kreativen Prozess des Erfindens einer eigenen Welt sehr ernst, da er ihn als gläubiger Christ als eine Art von Gottesdienst ansah, mit dem die wahre Schöpfung Gottes – unsere reale Welt – gewürdigt werde. Ich denke, dass er sich diesbezüglich als in einer Tradition mit großen christlichen Künstlern wie Johann Sebastian Bach oder Michelangelo Buonarroti stehend sah, die die Schöpfung in Form von Oratorien und Kantaten oder der Sixtinischen Kapelle ebenfalls mit explosiver Kreativität feierten.

Mit einer der empfundenen Verantwortung entsprechenden Akribie ging Tolkien dann vor, als er Mittelerde schuf, eine Welt mit plausibler Geographie, Geschichte, Linguistik und einer eindeutig christlich gefärbten Kosmogonie. Es ist eine authentisch wirkende Welt, die aber in allem doch um den kleinen (oder auch schon mal großen) Tick schöner und beeindruckender - oder auch bedrohlicher - ist als unsere reale Welt. Eine Welt mithin, die sich perfekt als Sehnsuchtsort eignet.

Die überzeugende Buchwelt verlangt natürlich nach packenden Geschehnissen. Liebe und Tod, Freundschaft und Hass, Loyalität und Verrat, Herrschaft und Freiheit - es gibt einige Themen, die uns Menschen tief berühren, aber so viele sind es dann doch wieder nicht.

Und Tolkien erzählt von ihnen allen: Von der Bedrohung der Völker durch allumfassende Unterdrückung. Vom aufopferungsvollen Kampf einzelner, und dass der nicht von der Stärke des Armes, sondern von der des Geistes abhängt. Davon, dass sich diese Stärke darauf stützt, dass man den Wert von Freundschaft und den der kleinen Dinge, wie Blumen oder eines guten Biers, zu schätzen weiß, nicht auf die eitle Suche nach Ruhm und den Willen zur Macht. Und ja, er erzählt auch von der Liebe ... wenn auch so richtig beeindruckend erst im Silmarillion, wo er dem unsterblichen „Romeo und Julia“-Topos in Gestalt von Lúthien und Beren eine wunderschöne Facette hinzufügt.

Wir sind Tolkien

Tolkien erzählt von all dem so ausführlich, dass Friedhelm Schneidewind zu recht beobachtet, dass es keine Belange des menschlichen Lebens gibt, zu denen bei Tolkien nicht Bedenkenswertes zu finden ist. Und an dieser Stelle wird erkennbar, dass sich bei der Lektüre von Hobbit oder Ringgeschichte, aber auch beim Bauer Giles von Ham oder der Parabel Blatt von Tüftler profunde Erkenntnisse auftun, die auch im eigenen wahren Leben von Bedeutung sind oder sein könnten. Und dann erschließt sich der Leserin, dem Leser, dass die Phantastik J. R. R. Tolkiens – wie alle Phantastik – gar nicht phantastisch ist, sondern eine metaphorische Beschreibung der Umstände unserer menschlichen Existenz.

Die Geschichten funktionieren und berühren nur, weil sie Erfahrungen des realen Lebens aufnehmen, umwandeln und zurückspiegeln, und es ist nicht einfach, so etwas überzeugend zu erfinden. Dass Tolkien das gelang, zeigen die Wellen, die sein Werk wirft – in den Diskussionen von Fans und Wissenschaftlern, durch die Inspiration und die Orientierung, die sie dem Genre Fantasy geben.

Seine Welt Mittelerde steht im großen Fluss der phantastischen Geschichten, der von den Lagerfeuern der Steinzeit über die antiken Mythen und mittelalterlichen Legenden und die Spekulationen der Neuzeit zu ihm reichte. Die frühen und ältesten Formen der Phantastik waren schließlich gerade diesem Mann geläufig wie wenigen anderen: dem Sprachforscher und -historiker mit Professur in Oxford, einer der renommiertesten Universitäten der Welt.

Mittelerde-Dichtung als neuer Mythos

All diese Einflüsse sind in der Mittelerde-Dichtung aufgegangen und zu einem neuen Mythos verwoben worden, der wie alle Mythen seine vornehmste Aufgabe darin findet, die Welt zu erklären: als gefährlichen, als anstrengenden Ort, an dem es auf die Haltung jedes einzelnen ankommt, weil auch der kleinste Hobbit die Welt verändern kann.

Als der Fluss der phantastischen Geschichten nach 1954-1955, den Erscheinungsjahren des Herr der Ringe, weiterfloss, thronte auf einmal dieser riesige Brocken Story mitten im Flussbett und hatte die Strömung für immer verändert. Es gibt viele, sehr, sehr viele Steine in diesem Fluss; genaugenommen ist jede Geschichte einer, wenn auch oftmals nur ein Kieselchen. Doch sie alle erzeugen ihre Wirbel und kleinen Strudel, ohne die der Fluss ein langweiliges glattes Strömen wäre. Der dicke Brocken Mittelerde aber hat den Flusslauf umgelenkt und man kann seither keine von ihm unbeeinflusste Fantasy mehr schreiben. Insofern gilt: Unsere Fantasy nicht ohne Tolkien.

© 2016 Frank Weinreich

http://textarbeiten.com/

http://polyoinos.de/

Share:   Facebook