KOLUMNE

Der Klimawandel als literarisches Genre


Fritz Heidorn
16.12.2016

»Der Klimawandel ist ein literarisches Genre«, sagt der katalanische Autor Sergi Pámies und meint damit nicht die Angst erzeugenden Thriller oder die zu erwartenden Massenprodukte auf dem Büchermarkt. »Der Klimawandel mischt Elemente der historischen Novelle bei, doch in vielen Aspekten ist er Science-Fiction pur.«

 Sergi Pámies bezeichnet die Erwärmung des Planeten als Protagonisten, als allwissenden Erzähler, als harten und skrupellosen Typ, der die Macht hat, uns schuldig zu fühlen, denn er ist von uns selbst erschaffen worden und steht damit auf einer Stufe wie Frankensteins Monster und der Golem. Wie sieht Sergi Pámies seinen Protagonisten?


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Heutzutage drehen sich unsere Ängste eher um ökologische Themen –
Umweltverschmutzung, vom Menschen verursachte globale Erwärmung,
das Wuchern der Städte, der endgültige Verlust des bürgerlichen Landlebens –,
und an diesem Punkt zeigt sich das Beharrungsvermögen der Triffids als Bild:
1951 wie heute sind sie eine treffende Metapher für eine Lebensweise, die uns,
wie Bill Masen, erst blind für unser Handeln macht und uns anschließend zwingt,
mit der Zukunft zurechtzukommen, die wir selbst  herbeigeführt haben.

M. John Harrison

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These 1: Der Klimawandel ist unersättlich. Seine narrative Struktur ist kannibalisch

Immer neue Entwicklungen und Wendungen ziehen uns in immer komplexere und tiefere Abgründe. Hier verweist der Schriftsteller auf die ungeheure Komplexität eines zukünftigen Geschehens und den Grad an Unwahrscheinlichkeit der Prognose durch die Wissenschaft. Niklas Luhmann beschreibt in seinem grundlegenden systemtheoretischen Werk Ökologische Kommunikation (Opladen 1986) auf S. 11f. den öffentlichen Umwelt-Diskurs der siebziger und achtziger Jahre folgendermaßen: »Wie nie zuvor alarmiert die heutige Gesellschaft sich selbst, ohne jedoch über zureichende kognitive Mittel der Pro­gnose und der Praxisanleitung zu verfügen.« Diese Aussage trifft für das Thema Klimawandel gegenwärtig nicht mehr zu. Der Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung hat sich in den letzten zwanzig Jahren stark verbessert. Die Instrumente zur Prognose der Folgen des Klimawandels sind, wie im 4. Sachstandsbericht des IPCC (2007) zu lesen ist, genauer und detaillierter geworden. Es gilt als »gesicherte Erkenntnis«, dass menschliches Handeln den globalen Klimawandel verursacht. Die Datengrundlage ist erweitert worden, die Analysen der Daten wurden verbessert, die Erde konnte geografisch breiter erfasst werden und bisherige Unsicherheitsfaktoren hinsichtlich ihrer Klimawirksamkeit wurden besser verstanden. Die Sicherheit der Aussagen zum vom Menschen gemachten Klimawandel wird im 4. IPCC-Sachstands­bericht (2007) als »sehr wahrscheinlich« bezeichnet, in Verstärkung der Formulierung im 3. IPCC-Sach­stands­bericht (2001) als »wahrscheinlich«. Eine geballte Ladung der aktuellen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Zukunftsszenarien bietet der Band Der UN-Weltklimareport. Berichte über eine aufhaltsame Katastrophe (2007). Auf die Rezipienten und das Alltagsleben wird (noch) nicht eingegangen. Das WBGU-Gutachten Welt im Wandel – Sicherheitsrisiko Klimawandel (2007) konstatiert schwerwiegende globale Umweltfolgen, wenn nicht in den kommenden 10–15 Jahren eine »ambitionierte globale Klimapolitik« betrieben wird. Immerhin werden Strategien für den Fall einer gescheiterten Klimaschutzpolitik diskutiert, aber die Empfehlungen zur Konfliktprävention bleiben auf einer globalen Betrachtungsebene. Was kommt bei den Individuen an?

Die kannibalische narrative Struktur des Klimawandels könnte man auch als einen Mahlstrom vom Bekannten ins Ungewisse bezeichnen. Edgar Allan Poe hat ein solches, alles verschlingendes Meeres-Phänomen im Jahre 1841 beschrieben.

Zwar ist die Lage und die Größe dieses überdimensionierten Saugrüssels bekannt, genau so wie die Tatsache, dass man ihm nicht entkommen kann, jedoch die Frage nach dem Ort, an den der Mahlstrom die Eingesogenen transportiert, und nach dem Zustand, in dem sie sich dann befinden werden, ist völlig offen. Der Mahlstrom der historischen Schauerromane bzw. der frühen Science-Fiction-Roma­ne ist heute durch das astronomische Monstrum des Schwarzen Lochs ersetzt worden, das ähnliche dramaturgische Zwecke erfüllt. Beide sind eine Allegorie auf ein alles verschlingendes Gebilde, das einen Beobachter an einen unbekannten Ort oder in eine unbekannte Zeit führt. Da noch niemand aus einem solchen Monstrum zurückgekehrt ist, gewinnt die Spekulation über die Möglichkeit der Rückkehr und die Ausmalung des Nicht-Erlebbaren eine ungeheure Faszination. 

These 2: Der Klimawandel verliebt sich nie

Der Klimawandel liefert immer neue negative Statistiken und multipliziert seine Effekte, ohne Zeit für Romanzen zu haben. Harte Arbeit ist vordringlich, um dem Klimawandel zu begegnen, nicht Liebesduselei. Dennoch ist zu fragen, ob nicht eine herzzerreißende Dramaturgie mehr zur Bewusstseinsbildung der Öffentlichkeit beitragen kann als die reine Präsentation der naturwissenschaftlichen Faktenlage. Immerhin ist es dem Kinofilm The Day after Tomorrow von Roland Emmerich (der nicht nur ein Katastrophenszenario, sondern auch ein Familiendrama ist) bereits im Jahre 2004 gelungen, ein breites Interesse am Thema Klimawandel zu erzeugen. Der Blockbuster The Day after Tomorrow kam am 27. Mai 2004 in die Kinos und hat weltweit 542 771 Millionen Dollar eingespielt (davon 186 740 Mio. Dollar = 34,4 % in den USA und 356 030 Mio. Dollar = 65,6 % außerhalb der USA). Eine sozialwissenschaftliche Studie hat ergeben, dass der Film durchaus positive Auswirkungen auf die Sensibilisierung der Zuschauer bezüglich der Folgen des Klimawandels und der notwendigen Klimaschutzmaßnahmen hatte. Dies gilt sowohl in Deutschland als auch in den USA, wo trotz fehlender Diskussion und eines entsprechenden Bewusstseins breiter Bevölkerungsschichten der Film dennoch bei den Zuschauern die Notwendigkeit von Klimapolitik deutlich gemacht hat; so das Fazit der Autoren der Film­analyse.

These 3: Der Klimawandel ist überdies eine unendliche Novelle

Der Klimawandel ist ein unmöglich zu beschreibendes Monster, das Schrecken verbreitet, uns aber keine Lösungsansätze bietet. Das Monster wird schon sichtbar, wenn man die Vorschläge der einschlägigen Wissenschaftlergremien wirklich ernst nehmen und umsetzen würde, was schlicht eine Verschärfung der politischen Rahmensetzungen, die Entwicklung einer nachhaltigen Industrieproduktion, den globalen Ausgleich und gravierende Verhaltensänderungen im gesellschaftlichen Leben bedeuten könnte. Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) beispielsweise hat im Juni 2008 in seinem Umweltgutachten 2008 solche anspruchsvollen Ziele mit der Forderung nach innovativer und konsequenter Umsetzung verbunden:

 

  1. Zur Erreichung des 2oC-Ziels sind die Treibhausgas-Reduktionsziele der EU (bis zum Jahre 2020 eine 20%ige Steigerung der Energieeffizienz sowie eine Erhöhung des Anteils an erneuerbaren Energien am Primärenergieverbrauch auf 20 %) nicht ausreichend. Der SRU fordert bis 2050 eine Emissionsminderung von 80–95 %.
  2. Der Markterfolg klimafreundlicher Technologien und ökologischer Innovationen soll als »Megatrend« gestützt werden. Dazu gehört eine aktivierende Rolle des Staates mit anspruchsvollen Zielvorgaben und der Angabe eines Instrumenten-Mixes von der Forschung bis zur Marktdurchdringung.
  3. Die Emissionshandelsrichtlinie soll novelliert werden. Es sollen ein einheitliches, langfristig berechenbares Emissionsbudget, eine grundsätzlich vollständige Auktionierung und weitere Vereinfachungen angestrebt werden.
  4. Die Energieeffizienz muss radikal gesteigert werden. Bei energieverbrauchenden Geräten betrachtet der SRU die Ökodesign-Richtlinie mit dem Ansatz der Lebenszyklusbetrachtung als Fortschritt. Für Neubauten ab 2015 soll der Passivhausstandard angestrebt werden. Für Neuwagen soll der Flottenverbrauch bis 2020 an einem Zielkorridor zwischen 80 und 95 g CO2/km angestrebt werden.
  5. Die Abscheidung und Lagerung von CO2 (Carbon Capture and Sequestration [CCS]) ist prinzipiell realisierbar, aber technisch noch nicht gelöst. Es ist noch offen, wann die Marktreife erreicht werden kann. Ein Kraftwerk mit CCS kostet annähernd doppelt so viel wie eines ohne diese Technologie. Die Technik soll allerdings weiter erforscht werden. Die Kohleverstromung im Emissionshandel soll bis 2012 aufgehoben werden.

These 4: Der Klimawandel ist eine Art der wahrscheinlichen Angst

Der Klimawandel greift in andere Ängste ein und verstärkt diese. Die Rezeption des Themas Klimawandel unterliegt vielfältigen Brüchen, wie sie in den noch unausgereiften Konzepten der Risikokommunikation beschrieben werden. Sicher ist auf alle Fälle, dass der Umgang mit ungesichertem Wissen in einem hochkomplexen Umfeld für eine offene Zukunft auf vielfältige Unwägbarkeiten stößt, die durch naturwissenschaftlich-­­technische Lösungswege allein nicht beschritten werden können. Ganz im Gegenteil: Einige Autoren sind der Meinung, dass die Überfrachtung der Menschen mit Informationen für ein hohes Maß an Irritation und Orientierungsverlust sorgt. »In der Kategorie des Risikos drückt sich also der Umgang mit Ungewissheit aus, die heute oft nicht durch ein Mehr an Wissen überwunden werden kann, sondern aus einem Mehr an Wissen hervorgeht.«Diese Analyse könnte bedeuten, dass die Zunahme der Genauigkeit der Prognosen und Szenarien der gegenwärtigen und zukünftigen IPCC-Berichte nicht automatisch zu einem Mehr an Erkenntnissicherheit oder gar einem Aufzeigen von Handlungsoptionen im Alltagsleben der Menschen führen würde. Vielmehr müssen auch Fragen nach nicht-naturwissenschaft­lichen Zugängen zu lebensweltlichen Vorstellungsmustern von Akteuren gestellt werden. Wenn ein Mehr an Wissen nicht unbedingt zur Überwindung von Ungewissheit führt, müssen andere Faktoren der Bewusstseinsbildung und der Ausbildung von Handlungsoptionen ebenfalls berücksichtigt werden, beispielsweise emotionale Verarbeitungsmuster und emotionale Sendemuster wie Literatur, Kunst, Musik, Film.

These 5: Der Klimawandel ist mehr als eine Gewissheit, es ist eine Industrie

Wir haben das Bedürfnis, die Produkte des Klimawandels zu konsumieren, sein Markt ist unbegrenzt. Dies ist (noch) Zukunftsmusik, aber eine solche von ungeheurer Wucht und Ungeheuerlichkeit, dass niemand die wirklichen Konsequenzen versteht. Ein Prozess der Klima-Terraformung des Planeten Erde über einen Zeitraum von Tausenden von Jahren, der nicht mehr abzuändern, höchstens abzuschwächen ist – wie kann sich der Mensch an solch existenzielle Veränderungen anpassen? Immerhin: Der zukünftige Klimawandel kann gedacht und beschrieben werden – nicht nur in Kategorien der Wissenschaft, sondern durchaus auch mit der Wucht von literarischen Visionen. Das Kapitel der Adaptation ist noch lange nicht ausformuliert.



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© 2016 by Fritz Heidorn
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstdruck in: Gaia 18/1 (2009)
Der Abdruck folgt der Buchausgabe:
Fritz Heidorn, Kurz vor ewig – Kosmologie und Science Fiction
Mit einem Vorwort von Kim Stanley Robinson
(Lüneburg: Dieter von Reeken, 2016 | www.dieter-von-reeken.de)
Auf eine Übernahme der Fußnoten wurde verzichtet.


Fritz Heidorn, geboren 1952 in Stadthagen, ist promovierter Erziehungswissenschaftler (Dr. phil.) mit den Arbeitsschwerpunkten Naturwissenschaftsdidaktik und Umweltforschung.

Er ist geschäftsführender Gesellschafter der Agentur »econtur« gGmbH im Sustainability Center Bremen seit 1996. Beruflich beschäftigt er sich mit Zukunftsfragen für nachhaltige gesellschaftliche Entwicklungen, beispielsweise zum Thema »Anpassung an den Klimawandel« sowie mit Projekten zum interkulturellen Austausch in der Entwicklungszusammenarbeit. Er leitet den Programmbereich »weltwärts-Bremen« bei »econtur« und fördert seit 2008 einjährige Auslands-Aufenthalte junger Menschen in Ländern des Globalen Südens. Für Trainings und Seminare reist er in den letzten zehn Jahren regelmäßig in die folgenden Länder: Südafrika, Lesotho, Indien, Indonesien, Aserbaidschan.

Vorher hat er zehn Jahre lang den Umweltbildungsbereich bei der Umweltstiftung WWF-Deutschland geleitet und internationale Projekte des WWF betreut. Davor war er drei Jahre lang als Redakteur für Chemie und Biologie beim Schroedel-Schulbuch-Verlag tätig sowie fünf Jahre als wissenschaftlicher Angestellter der Universität Hannover bei einem Naturwissenschafts-Projekt an der Integrierten Gesamtschule Garbsen.

Sein literarisches Interesse richtet sich seit seiner Jugend auf Science Fiction und Zukunftsforschung. Sein Frust über die zunehmende Zahl schlechter Romane hat dazu geführt, sich mit verschiedenen Essays zu Wort zu melden.

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