Monster und Magie in der Regenbogenpresse
ESSAY

Monster und Magie in der Regenbogenpresse


"Ich wusste immer, dass ich irgendwann ein Buch schreiben würde, das auf den Mythen, Monstern und Massakern basiert, von denen ich jeden Morgen in der Zeitung lese." Autor Charlie Human erklärt, woher die Monster kommen, die uns in seinem Roman Apocalypse Now Now – Schatten über Cape Town begegnen.


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In Südafrika wird der Spam noch per Hand zugestellt. Ich komme jeden Morgen an Zettelverteilern mit den Werbeflyern von Straßenzauberern vorbei, die alles Mögliche versprechen: von der Schuldenbefreiung bis zur Penisvergrößerung.

Absprungbereit auf den Ballen wippend, immer die Straßenseite wechselnd, lauern sie den Passanten auf, um ihnen schludrig gedruckte Werbebotschaften für Liebeszauber, Exorzismen oder magische Geldbörsen aufzudrängen. Manche Straßen in Kapstadt sehen aus wie ein gefährliches und unkultiviertes Gegenstück zur Winkelgasse.

Eigentlich ist das alles andere als lustig, weil auf den Flyern brutal gefährliche illegale Abtreibungen für 300 Rand (30 Dollar) angeboten werden. Oder magische „Kuren“ gegen HIV und Tuberkulose. Wohlmeinende reißen sie ab, machen sie unkenntlich, kratzen die Telefonnummern weg, aber das Zeug vermehrt sich wie von selbst. So wie es sich für  ein funktionierendes Werbekonzept gehört.

Monster und Magie in der Regenbogenpresse - Charlie Human
Monster und Magie in der Regenbogenpresse - Charlie Human
Monster und Magie in der Regenbogenpresse - Charlie Human

Aber natürlich hat diese Urban-Reality-Phantastik auch ihre düster-komische Seite, besonders wenn unsere Krawallpresse daraus ein wahres Monster-und-Magie-Epos spinnt. Ich wusste immer, dass ich irgendwann ein Buch schreiben würde, das auf den Mythen, Monstern und Massakern basiert, von denen ich jeden Morgen in der Zeitung lese. Jetzt ist es passiert. Hier einige Klassiker, die mich zu Apocalypse Now Now inspiriert haben.

Der Tokoloshe

Der Tokoloshe ist – man kann es wirklich nicht dezenter ausdrücken – ein haariges kleines Sexmonster mit Riesenpenis. Er ist die moderne Adaption eines traditionellen Mythos, ein Trickster mit unstillbarer Sexgier, der arglose Seelen zum Koitus treibt.

Die phantasmagorische Unterwelt in Apocalypse Now Now hat ihre eigene Szene von Start-Up-Unternehmen, und es hat sich eine professionelle Produktion von Monsterpornos etabliert, um die bizarren Fetische der Unternehmer und Politiker zu bedienen. Kann man sich unschwer vorstellen, oder? Der Tokoloshe ist der koboldhafte Ron Jeremy dieser Anderwelt, ein kleiner, haariger, nicht ganz geheurer Porno-Racker, der seine physischen Vorzüge zum Beruf gemacht hat. He, auch ein Monster muss von irgendwas leben.

Zauberei

Zauberei ist in unserer Boulevardpresse besonders beliebt,  reißerische Aufmacher über die Vergehen von den Sangomas, traditionellen Heilern oder Schamanen, an der Tagesordnung. Die Zauberei in Apocalypse Now Now ist eine krude Mischung afrikanischer Überlieferungen: die magische Vorstellungswelt der Xhosa, Zulu und Khoisan vermischt mit ein paar Voodooprinzipien und einer frei erfundenen Afrikaaner-Tradition, die auf der Powwow-Magie der Pennsylvaniadeutschen, der christlichen Mystik und meiner eigenen abartigen Phantasie beruht. Das Ergebnis ist eine dreckige und unschöne Ellbogenmagie, mit der man es in der magischen Unterwelt von Südafrika wirklich zu etwas bringen könnte, wenn die Schlagzeilen der Realität entsprächen.

Teenager

Teenager sind immer für einen Skandal gut. Baxter, der Protagonist von Apocalypse Now Now und Kill Baxter, ist die ideale Projektionsfigur für die moralische Panik, die alle paar Tage durch den Blätterwald der Regenbogenpresse rauscht. Er ist ein nassforsches Arschloch, der unzuverlässige Erzähler par excellence, Holden Caulfield trifft Gordon Gekko via Ninja von Die Antwoord. Er handelt mit Monsterpornos. Er ist ein Manipulator. Er hält sich für eine große Nummer.

In ihm wollte ich die pure Intensität bündeln, die Teenager in ihrer unheimlichsten, gefährlichsten Phase auszeichnet. Mit den düster-melancholischen Blicken oder dem braven Benehmen eines gut bekannten britischen Internatszöglings hat das nichts zu tun.

Chemirocha

Eine der mythologischen Gestalten in diesem Buch ist Klipspringer, der halb Springbock, halb Mensch ist und der traditionellerweise jede Menge religiösen Tinneff sammelt. Ich habe aus Klipspringer einen afrikanischen Faun oder Zentaur gemacht und mich dabei von der Geschichte des Chemirocha inspirieren lassen. Falls ihr sie noch nicht kennt, hier ist sie:

In den 1950ern besuchte der südafrikanische Ethnomusikologe Hugh Tracey das Volk der Kipsigi in Kenia und nahm bei dieser Gelegenheit eins ihrer Lieder auf, den Chemirocha-Song, der von jungen Mädchen gesungen wurde. Wie sich herausstellte, hatten die Kipgisis alte Aufnahmen des Countrysängers Jimmy Rodgers gehört, die mit den Briten in die Gegend gekommen waren, und entschieden, dass diese Jammerlaute nur zu einem Mischwesen aus Mensch und Antilope gehören konnte: Sie gaben ihm den Namen Chemi (Jimmy) Rocha (Rodgers). Die Lieder, die sie über dieses Geschöpf singen, sind ebenso gespenstisch wie schön. Hört sie euch an:



Deutsch von Clara Drechsler


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© 2015 by Charlie Human
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Zuerst erschienen unter dem Titel How South African tabloids inspired my novel auf www.boingboing.net, 4. Mai 2015 

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