Gratis-Ratschläge eines professionellen Schriftstellers, die ihr Geld garantiert wert sind

ESSAY

Gratis-Ratschläge eines professionellen Schriftstellers, die ihr Geld garantiert wert sind


Zuerst der Disclaimer: Ich habe keine Ahnung, wovon ich rede. Aber ich bin nun mal professioneller Schriftsteller, und mein Weg zur Verwirklichung dieses lebenslangen Traums war keine Gralssuche, bei der die baufällige Brücke hinter mir einstürzte, kaum dass ich sie überquert hatte. Ich habe mir auch nicht den einzigen McGuffin am Wegesrand geschnappt, um die Torhüter des Verlagswesens damit aufs Kreuz zu legen. Anders gesagt: Vermutlich kannst du es mir nachmachen, falls es dich dazu drängt. Aber willst du das wirklich? Wahrscheinlich nicht mehr, wenn du am Ende dieses Beitrags angelangt bist. Doch es ist deine Entscheidung. Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!

Hauptberufliche Schriftsteller sind wie junge Eltern: Sie haben es mit jeder Menge Scheiße zu tun. Am Anfang wird dir das Schreiben auch ständig aufs Hemd kotzen, und alle werden finden, was du da tust, sei aber „echt süß“.

Man verliert auch leicht den Mut und hat das Gefühl, seine Zeit mit dem Aneinanderreihen von Worten zu vergeuden, um irgendein unerreichbares Ziel zu verfolgen. (Versuch mal eine Stunde lang beim Blackjack jedes Mal genau auf einundzwanzig Punkte zu kommen – so ist die Schriftstellerei.)

Aber nehmen wir an, du, mein junger Padawan, eignest dir die notwendigen Fertigkeiten an. Du erarbeitest dir einen literarischen Werkzeugkasten. Und du lernst zu scheitern. Denn scheitern wirst du unzählige Male und dabei erkennen, dass die metaphorische Bohrmaschine ganz und gar nicht dazu taugt, ein metaphorisches Loch auf metaphorische Weise in die Wand zu drillen. Ich weiß, ich weiß. Das ist alles nur Spaß, das sind alles nur Metaphern, aber wehe, jemand bekommt einen Kratzer ab.

Doch zurück zum Vergleich mit dem Elterndasein. Du kümmerst dich also liebevoll um dein Schreibsäugling und hoffst, dass dein Baby eines Tages zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft heranwächst und kein Serienmörder wird. Trotzdem braucht die Entwicklung der unerlässlichen Fertigkeiten Zeit, ehe du dich professionalisieren (und damit meine ich, dass jemand zu dem Schluss kommt, ein Text von dir sei echtes Geld wert). Kann sein, dass du zu diesem Zeitpunkt bereits zehn Jahre lang schreibst. Kann auch sein, dass du gestern erst angefangen hast (ich hasse dich). Es braucht die Zeit, die es eben braucht. Ich werde dich deshalb nicht verurteilen, und auch du solltest nicht über dich richten.

Nehmen wir an, du hast es geschafft. Du hast den literarischen Werkzeugkasten ordentlich bestückt, hast deine Schriftstellerkarriere aufgepäppelt wie das wimmernde Baby, um das es sich handelt, und denkst, du seist bereit, ein professioneller Autor zu sein. Der Weg dahin ist für gewöhnlich sehr lang, sofern du nicht unglaubliches Glück haben (ich hasse dich) oder unerhört talentiert bist und mit dem ersten Wurf für Aufregung sorgst (jetzt hasse ich dich wirklich). Deshalb gehe ich jede Wette ein, dass du dein Geld mit einer anständigen Arbeit verdienst oder noch bei den Eltern wohnst. Du tun eben, was du tun musst, um zu überleben: Kaffee servieren, programmieren, als Tierarzthelfer dilettieren. Mag sein, dass es ein paar Jahre dauert – aus denen leicht Jahrzehnte werden können. Irgendwann schreibe ich mal einen Text darüber, wie man es schafft, eine möglichst ruhige Kugel in einem Brotberuf zu schieben und nebenher - in Teilzeit gewissermaßen - zu schreiben. Den Titel dafür hab ich schon: Zeitmanagement und Selbstaufopferung.

Wie erkennt man, wann es Zeit ist, den Sprung zu wagen und professioneller Schriftsteller zu werden? Tja, das weiß man erst, wenn einem klar ist, dass es jetzt sein muss. Toller Tipp, was? Von fast allen Profi-Autoren habe ich die Binsenweisheit gehört, man arbeite in seinem Brotberuf, bis es nicht mehr geht. Bis man zu sehr am Rotieren ist und etwas von der Tischplatte fliegt. In meinem Fall war es so, dass ich entlassen wurde und mir gesagt habe: Das war es mit dem Brotberuf, jetzt lass ich es drauf ankommen.

Nehmen wir also an, du hast einen Brotberuf, und doch scheint deine Schriftstellerkarriere demnächst abzuheben. Plötzlich stehst du an Robert Frosts Weggabelung im gelben Wald. Sie müssen entscheiden, welchem Pfad du folgst. Behälst du deinen die Seele aushöhlenden, aber praktischen, erträglichen, ja wundervollen Job und schreibst weiter nebenher? Oder sagen du: Unsinn, ich riskiere das mit dem Autorenleben? Es gibt hier keine falsche Antwort. Du tust, was du für das Richtige hältst. Hier aber einige Überlegungen, die du bei der Entscheidung berücksichtigen solltest:

1)  Macht dir dein Brotberuf mehr Freude als das Schreiben? Wenn ja, kündige nicht. Donnerwetter, das war leicht.

2)  Bist du sehr für finanzielle Sicherheit und ein Rentnerdasein zu haben? Wenn ja, kündige nicht. Dieses Ratschläge-Geben ist ja ein Kinderspiel. Tja, gewusst wie!

3)  Liegt dir an Beständigkeit? Wenn ja, kündige nicht. Das artet allmählich in Wiederholung aus.

4)  Liegt dir an einer 40-Stunden-Woche? Wenn ja – und falls du einen Nine-to-Five-Job hast -, kündige nicht. Professionelles Schreiben bedeutet, sieben Tage pro Woche zu arbeiten und es dabei locker auf sechzig Stunden zu bringen - mit miserabler Job-Sicherheit (nämlich keiner). Und über die Krankenversicherung reden wir hier gar nicht erst. Außerdem sitzen wir uns den Hintern platt, und das ist ruinös für die Gesundheit. Schon wieder ein künftiger Text: Wie man sich den Hintern platt sitzt, ohne seine Gesundheit zu ruinieren.

5)  Zuletzt: Ist dir Geld wichtiger als das Schreiben? Wenn ja, kündige nicht.*

Moment, hinter die letzte Überlegung setze ich ein Sternchen. Möglicherweise liest du es ja früher als den Satz, auf den es sich bezieht. Das ist fast wie eine Zeitreise, oder? (Mein Zeitreise-Roman Time Salvager ist übrigens im Juli 2015 bei Tor Books erschienen. Geschickte Selbstvermarktung, was? Noch so ein künftiger Text: Selbstvermarktung – das Lustige, das Subtile und du.)

Das Sternchen jedenfalls habe ich gesetzt, weil es beim Vergleich eines Festgehalts mit den Einkünften eines Schriftstellers viele Variablen zu bedenken gilt.

Mal offen gefragt: Was arbeitest du denn so?
Als Arzt verdienst du wahrscheinlich besser.
Als Müllmann verdienst du wahrscheinlich besser.
Als Burger-Brater bei McDonalds verdienst du wahrscheinlich nur ein bisschen besser.
Siehst du, deshalb nennen mich die Leute bei Treffen Wesley den Optimisten.

Natürlich gibt es erfolgreiche Autoren, die ganz gut verdienen, und einige scheffeln richtig Kohle. Respekt, aber für jeden Großverdiener gibt es zwanzig, die am Hungertuch nagen. Fünfundneunzig Prozent von uns kommen gerade so über die Runden, während die wenigen Auserwählten auf ihren Reichtümern sitzen wie Tolkiens Drache Smaug. Ob ich exakte Zahlen habe? Nein, aber ich bin bereit, meinen letzten Dollarschein darauf zu setzen (und bitte lass mir diesen Dollar, falls du die Wette gewinnen solltest).

Aber lass mich noch ein Wort über den Wert des Schreibens sagen. Wenn du das Schreiben liebst (und ich kenne keinen professionellen Autor, bei dem es anders ist), hat diese Liebe für dich einen Wert, der – zuzüglich dessen, was du mit dem Schreiben an Geld verdienst, und abzüglich deiner finanziellen Verpflichtungen - dir zu entscheiden helfen kann, ob ein Dasein als professioneller Autor für dich das Richtige ist.

So viel von meiner Seite.

Ich möchte dich nur noch mal daran erinnern: Gleich eingangs habe ich erklärt, nicht recht zu wissen, wovon ich rede. Leg meine Worte also nicht auf die Goldwaage. Es handelt sich um einen Weg, der nicht leicht einzuschlagen ist und den nur eine Minderheit wählt. Doch er ist sehr befriedigend und stiftet Momente der Euphorie (mitunter aber auch ein paar fiese Tritte in den Unterleib). Als jemand, der fast zwanzig Jahre im Bergwerk des Angestelltendaseins malocht hat, kann ich mit Gewissheit sagen: Vom Schreiben zu leben, ist das Schwierigste und Anstrengendste, was ich getan habe – trotzdem würde ich diese Entscheidung immer wieder treffen.

Mein letzter Rat? Wenn du die Brücke zum professionellen Schreiben erst überschritten hast, musst du, um zu überleben, noch viel mehr tun als nur Geschichten erzählen.

Für diesen Beitrag beispielsweise bekomme ich ein Zeilenhonorar.

 

Anmerkung des Redakteurs: Unsinn! Mittels Schwärmen von Brieftauben und Brandpfeilen haben wir uns glasklar darauf geeinigt, dass dieser Text zu einem Festpreis geliefert wird, egal, was der Autor sich alles aus den Fingern saugt. Besuch unsere Website gerne wieder zu dem noch unbekannten Termin, an dem Wesleys Text „Wie man brennender Vogelscheiße ausweicht oder Vom Umgang mit Redakteuren“ erscheint.

 

Nachtrag des Autors: Ein allerletzter Rat: Lies die Verträge, bevor du sie unterschreibst!

 

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© Wesley Chu

Aus dem Amerikanischen von Andreas Heckmann

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