Kolumne: Länder, Jedi, Abenteuer - H.P. Lovecrafts Cthulhu

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KOLUMNE

H.P. Lovecrafts Cthulhu-Mythos oder: das unaussprechliche Grauen der Rechtschreibung



Sie stehen auf verbotene Folianten voller Kauderwelsch, träumen vom Urlaub in ebenso abgelegenen wie inzestuös geprägten Fischerdörfern und können fehlerfrei Monsternamen buchstabieren, über deren Schreibweise – so findet zumindest der Rest der Welt – eindeutig per Würfel entschieden wurde: Fans des vom Großmeister des Horrors H. P. Lovecraft ersonnenen Cthulhu-Mythos sind es gewöhnt, dass Normalsterbliche für ihre Passion nur Unverständnis übrig haben. Doch das stört sie nicht. Abdul Alhazred hat es schließlich auch nie gestört.

Der Fanotyp

Cthulhus Jünger rekrutieren sich aus verschiedensten Subkulturen des Phantastikfandoms. Mal sind es schweigsame Leseratten, mal W20-bewehrte Pen-and-Paper-Rollenspieler, mal Freunde des eher obskuren B-Movies – um nur wenige Beispiele zu nennen. Gemein ist ihnen allen aber ein ausgesprochenes Faible für die eher düsteren Ecken der Fantasie. Sie reizt die Vorstellung einer Wirklichkeit, die nur Fassade ist und deren wahre Schrecken uns, sollten wir ihrer je Gewahr werden müssen, patenter die Nervenstränge und Hirnwindungen verknoten würden als ein auf Weltrekord-Ehre abzielender Seemann.

Außerdem haben sie Humor! Ihre Stoßstangen zieren Aufkleber, die für die Legalisierung von Menschenopfern oder die Wahl eines Großen Alten zum Bundeskanzler werben („Einigkeit durch Wahnsinn“), ihre – meist pechschwarz grundierten – T-Shirts zeigen uns die Silhouetten oft gleichzeitig monströser und knuffig-niedlicher Ungeheuer („Shub-Niggurath liebt dich – als schmackhaften Brotbelag!“).

Dinner for Fan

Das wohl klassischste und originalgetreuste Gericht, das Gastgeber eines Cthulhu-Abends auf den Tisch bringen können, sind natürlich die Gäste selbst – idealerweise auf einen Tisch in direkter Nähe des Meeresufers. Bei Vollmond. Wenn die Trommeln schlagen.

Sollten Sie allerdings keine Lust auf Strafanzeigen, Untersuchungshaft und Unterlassungserklärungen haben, geht es natürlich auch eine Nummer kleiner. Fisch ist beispielsweise stets ein themengerechter Hauptgang, insbesondere dessen Innereien und Augäpfel. Der Kenner reicht dazu Ziegenmilch, kalt wie die Nacht an den Bergen des Wahnsinns. (Aber nichts den tausend Jungen wegtrinken, verstanden!)

Sag, was du willst, aber …

Ähnlich wie bei seinen gottgleichen Monstern, so scheint H. P. Lovecraft auch bei der Erschaffung ihrer finsteren Lobgesänge mit dem Würfel vorgegangen zu sein. Anders als mit sprachlich-syntaktischer Willkür lassen sich Formulierungen wie „Iäh, iäh, Cthulhu fhtagn!“ jedenfalls nur schwerlich erklären. Der echte Fan nutzt selbige aber natürlich mit Innsmouth, äh, Innbrunst und wird die Frage nach seiner Alma Mater stets mit einem überzeugten „Miskatonic Universität“ beantworten. Die Wahrheit ist eben nichts für Feiglinge!

Bloß nicht nachmachen!

Vorsicht! Einen passionierten Anhänger der Großen Alten sollte man auf gar keinen Fall reizen, hat er doch – und das müssen Sie leider neidlos zugeben – eindeutig die stärkeren Freunde als wir Normalsterblichen. Möchten Sie Ihr Dasein dennoch auf diese Weise beenden, empfiehlt sich folgendes Vorgehen.

  1. Streiten Sie sich über die korrekte Aussprache von „Worten“ wie R’lyeh oder Tsathoggua.
  2. Nennen Sie Hastur, den (angeblich) Unaussprechlichen, lautstark beim Namen. Gerne auch mehrfach.
  3. Vergleichen Sie Erich Zann mit David Garrett. Und danach mit André Rieu.
  4. Schreiben Sie eine Fortsetzung des Necronomicons. Beginnen Sie sie mit dem Satz: „Moment mal, ihr Quatschköppe habt den ganzen Stuss ernsthaft geglaubt?“
  5. Verschicken Sie Ansichtskarten mit sonnenbeschienenen Sandstränden und braungebrannten Badeschönheiten. Behaupten Sie, die Karten würden aus ihrem letzten Sommerurlaub herrühren und einen „echt supi-traumhaften Badeort“ namens Arkham zeigen.
  6. Pieseln Sie ins Meer. Bei Vollmond. Wenn die Trommeln schlagen.

 

 

Web-Tipps


>> Auf Wikisource könnt ihr "The Call Of Cthulhu" komplett lesen.

 

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Das Phantastische wird immer populärer, doch längst nicht jeder Normalsterbliche weiß, wie wir Fans unendlicher Weiten und Co. so ticken. Christian Humbergs Kolumne "Länder, Jedi, Abenteuer" will da Abhilfe schaffen und bietet einen ebenso liebe- wie humorvollen Einblick in schillernde Subkulturen der Geeks. Heute widmet sich Christian Lovecrafts Cthulhu-Mythos

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