Buch-Kolumne über 5 Heldinnen in Fantasy-Buchserien von Patricia Briggs, Ilona Andrews, Kim Harrison, seanan McGuire und Anne Bishop

BUCH

Fünf Urban Fantasy-Buchserien mit charismatischen Heldinnen



Starke Frauenfiguren in der Phantastik sind mittlerweile erfreulicherweise keine Seltenheit mehr. Vor allem nicht in der Urban Fantasy; ein Genre, das vor ein paar Jahren so trendy wurde, dass neue Serien wie Pilze nach einer kräftigen Regenzeit aus dem Boden schossen. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Aus einer beeindruckenden Masse an Romanreihen haben wir heute fünf herausgepickt, deren Protagonistinnen sich nicht hinter Buffy, Xena und Co. verstecken müssen:

 

Mercy Thompson von Patricia Briggs


Patricia Briggs Mercedes – Mercy – Thompson ist eine der facettenreichsten Urban-Fantasy-Heldinnen, die sich im Genre herumtreibt: Sie hat durch ihren Vater indianische Wurzeln, kann sich in einen Kojoten verwandeln und hat ihre Kindheit und Jugend verborgen in den kanadischen Wäldern bei einem Werwolf-Rudel verbracht. Sie kann Geister sehen, ist sowohl mit einem Vampir als auch mit einem schwulen Werwolf befreundet und ist gläubige Christin. Ihr Geld verdient sie als selbständige Automechanikerin, und wenn sie eins nicht braucht, dann einen Mann, hinter dem sie sich verstecken muss. Sie lebt in einer Welt, in der das Feenvolk vor kurzem seine Existenz öffentlich bekannt gegeben hat, während Werwölfe, Vampire und Hexen diesen Schritt noch nicht gehen wollen. Und weil sie ein ausgeprägtes Helfersyndrom hat, wird sie ziemlich schnell in nervenaufreibende, übernatürliche Fälle verwickelt, in denen ihr eine Handvoll treuer Gefährten zur Seite steht. Zwar buhlen auch zwei Männer um Mercys Gunst – ihr Jugendfreund Samuel und ihr charismatischer Nachbar Adam, Anführer des lokalen Werwolfrudels –, aber die Liebesgeschichte rückt nie zu sehr in den Mittelpunkt und die Mercy-Thompson-Bücher sind definitiv mehr Urban Fantasy als Paranormal Romance. Wer vielseitige Urban-Fantasy-Welten und starke Heldinnen liebt, sollte sich ganz dringend den Reihenauftakt Ruf des Mondes vorknöpfen. Es lohnt sich wirklich! 

 

Kate Daniels von Ilona Andrews


Anders als Mercy stürzt sich Kate Daniels, Heldin von Ilona Andrews Stadt der Finsternis-Reihe, am liebsten allein in den Kampf. Große Dienste leistet ihr dabei ihr magisches Schwert Slayer, das übernatürliche Wesen wittern und sich durch das Fleisch von Untoten fressen kann. Auf zwischenmenschlicher Ebene hält sie sich ziemlich bedeckt – zumindest bis sie im Verlauf des ersten Buches den charismatischen Gestaltwandler Curran kennenlernt. Angesiedelt ist die Romanserie in Atlanta in einer nicht näher bestimmten Zukunft. Die Magie hat Einzug gehalten in unsere Realität und dem Zeitalter der Technologie ein Ende gesetzt. Nicht nur, dass seither auch Wesen wie Tiermenschen und Hellseher real geworden sind, die Magie selbst setzt auch einen großen Teil der technischen Gerätschaften Schachmatt. Wann immer es zu einer Magie-Welle kommt, fahren Autos nicht mehr, Telefone funktionieren nur unzuverlässig und Aufzüge fallen aus. In solchen Momenten baut man auf Erdstrahlenadern und nutzt statt Glühbirnen eben Feenlampen. Schlimmer scheint da, dass die Magie an der Bausubstanz mehrstöckiger Häuser nagt und das Stadtbild der Metropolen inzwischen aus halb verfallenen Ruinen besteht. Das klingt nicht nur düster, sondern ist es auch. Kate ist im Kampf nicht zimperlich, und die Bücher sprechen eine deutliche Sprache: Da wird nicht nur der einen oder anderen Figur ein blaues Auge verpasst, da wird es auch gern mal unappetitlich. Ganz klar: Als Filmumsetzung wäre das FSK 16-Material. 

 

Rachel Morgan von Kim Harrison


Auch Rachel Morgan, die Heldin von Kim Harrisons gleichnamiger Urban-Fantasy-Reihe, lebt in einer Welt, die stark an unsere angelehnt ist, sich aber in entscheidender Hinsicht von ihr unterscheidet. Und schuld daran ist ausgerechnet eine überzüchtete Tomate. Das genmanipulierte Gemüse hat nämlich zu einer globalen Seuche geführt, die die Menschheit erschreckend dezimierte. Nicht nur, dass die biologische Forschung seither aufs Ärgste verpönt ist, die nichtmenschlichen Rassen, die die Welt seit jeher bevölkern, haben ihr Schattendasein aufgegeben und sich sozusagen geoutet: Denn die „Inderlander“ – so der Oberbegriff für sämtliche Nicht-Menschen wie Werwesen, Vampire, Kobolde, Hexen, Fairys und und und – waren und sind gegen das tödliche Gen immun. Und nicht alle von ihnen sind brave Lämmchen. Gemeinsam mit dem Pixie Jenks und Ivy, einer lesbischen Vampirin, macht die Erdhexe Rachel Morgan Jagd auf wildgewordene Werwölfe, schwarze Hexen oder asoziale Vampire. Eine schräge Mischung, die voll aufgeht und in einer dreizehnteiligen Romanserie mündete, die vor rund zehn Jahren mit Blutspur ihren Anfang nahm und letzten Sommer mit Blutfluch ihr Ende fand.

 

October Daye von Seanan McGuire


Als Kind eines Sterblichen und einer Fee steht October – Toby – Daye lange Zeit zwischen den Welten: Für ein gewöhnliches Leben nur unter Menschen weiß sie zu viel, die meisten reinblütigen Fae blicken allerdings auf sie als nur schwach magisch begabten Halbling herab. Dass Toby zudem eine aufmüpfige Ader hat, hilft ihr in der aristokratisch geprägten Welt des Feenvolks auch nicht gerade. So hat sie zu kämpfen, zwischen den Wolkenkratzern von San Francisco und der mittelalterlichen Anderswelt mit ihren marmornen Thronsälen und verwunschenen Rosengärten ihren Platz zu finden. In atemberaubendem Tempo springt Toby zwischen beiden Welten hin und her: Gerade noch tauscht sie verbale Schläge mit dem Katzenfürsten Tybalt in einer dreckigen Hinterhofgasse aus, im nächsten Moment befindet sie sich im Schloss einer Feenkönigin, die sich in Gewänder aus Meerschaum kleidet. Im Auftrag eines Herzogs des Feenvolks arbeitet sie an der Auflösung überirdischer Fälle. Und im Verlauf der Romanserie wird schnell klar, dass auch sie selbst im Mittelpunkt einiger düsteren Intrigen steht, die so faszinierende Figuren wie die boshafte Königin der Nebel oder die undurchsichtige Meerhexe weben. Aber Toby lässt sich nichts gefallen. Winterfluch und die Nachfolgebände üben eine wahre Sogwirkung auf die Leser aus.

 

Meg Corbyn von Anne Bishop


Zugegeben: Im Grunde genommen spielt In Blut geschrieben nicht auf der Erde, sondern in einer Parallelwelt. Die ist aber unserer ähnlich genug, um als Urban-Fantasy-Version durchzugehen. Mit dem entscheidenden Unterschied, dass hier nicht die Menschheit die Krone der Schöpfung ist, sondern die übernatürlichen Wesen: Gestaltwandler, Vampire und Elementare. Folglich sind sie es auch, die darüber bestimmen, wo und wie die Menschen zu leben haben.

Protagonistin Meg ist zwar ein Mensch, verfügt aber über besondere Fähigkeiten. Sie ist eine Cassandra Sangue, eine Blutprophetin: Sie kann die Zukunft offenbaren, wenn ihre Haut geritzt wird – eine Gabe, die sie zu einer Gefangenen gemacht hat. Nachdem ihr die Flucht vor ihren Peinigern gelingt, sucht sie in einem Geschäftsviertel Unterschlupf, das zwar von Übernatürlichen Wesen kontrolliert wird, wo aber auch Menschen geduldet werden. Hier baut sich Meg, erstmals für sich selbst verantwortlich, ein neues Leben auf – als Normalsterbliche unter Raubtieren. Dieses Sozial-Experiment im Mikrokosmos steht im Mittelpunkt des Romans.  Das Ergebnis liest sich – wie man das von der Autorin der Schwarzen Juwelen erwartet – düster, aber auch menschlich und faszinierend anders. 

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