Charlie Human - Kill Baxter

Charlie Human: Kill Baxter

FISCHER TOR

Leseprobe: Kill Baxter (Charlie Human)


TOR Team
20.03.2017

Mit ›Kill Baxter‹ geht Charlie Humans wahnwitzige Urban-Fantasy-Serie aus Südafrika in die zweite Runde. Der Roman erscheint am 25.5. bei FISCHER Tor. Als Nachfahre südafrikanischer Mystiker hat Baxter die Kräfte seiner Ahnen geerbt, deren Umgang er nun in Hexpoort erlernen soll. In unserer Leseprobe kannst du jetzt schon in die ersten Seiten aus ›Kill Baxter‹ reinschnuppern.

Zauberschüler hatten es noch nie leicht. Immer gibt es irgendeine Clique junger Helden, die sich für etwas Besonderes hält, alte Hexen mit zweifelhaften pädagogischen Ambitionen und mythische Tiere, deren Stubenreinheit ebenfalls ein Mythos ist. Hexpoort ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme, wie Baxter schon in den ersten Tagen feststellen muss: Im Unterricht kriegt er kein Bein auf die Erde, dafür wird ihm vom hiesigen Auserwählten erst mal das Handy abgezogen. Doch all das gehört noch zu seinen kleineren Problemen: Richtig schlimm wird es erst, als die Schule angegriffen wird und sein alter Freund Ronin auftaucht, um ihm aus der Patsche zu helfen …

 

***

Kapitel 1: Browserchronik

Mein viertes Meeting bei den Anonymen Pornographen, und immer noch werde ich das Gefühl nicht los, die Welt sei mir etwas schuldig – ungeachtet der zahllosen Male, die ich »mich geöffnet«, »in mich hineingefühlt« und »Reue bekundet« habe, wozu ich im Rahmen meiner Rehabilitation gezwungen bin.

»Guten Morgen, liebe alle«, sagt Harold Emly, zwanghafter Masturbator, geläuterter Pornosüchtiger und Leiter dieser kleinen Gruppe von Aficionados bewegter Sexbilder. Harold hat ein großes Mondgesicht und rotblonde Haare, die an den Schläfen weiß werden. Er trägt ein limettengrünes Golfhemd und hat einen Glitzerstecker im linken Ohrläppchen. Er kaut beim Reden an den Lippen, wodurch er etwas nuschelt, als sei er bei seinem vierten Glas billigem Roten. Harold war mal ein berühmter Sportreporter und Liebling der Nation, bis er in Ungnade fiel, weil er versehentlich das Mikrophon anließ, während er in der Werbepause seiner bevorzugten Zwangsstörung nachgab und die südafrikanischen Kricketfans mit einer kurzen, aber lautstarken Darbietung erfreute.

»Guten Morgen, Harold«, intoniert der Rest der Gruppe feierlich und eröffnet damit das Meeting. Ich sehe sie lächeln und solidarisch nicken, und eine Welle von Ekel überrollt mich. Die Anonymen Pornographen haben mich in ihren schwiemeligen, schwitzigen Kreis aufgenommen und betrachten mich als einen der Ihren. O Gott.

Dabei sollte ich als Held gefeiert werden. Ich sollte Zeitungsinterviews geben und Angebote konkurrierender Buchverlage abwägen, während B-Promis mich oft genug retweeten, um mir damit eine solide Fanbasis in den sozialen Medien aufzubauen. Ich müsste längst mein eigenes Mem haben, verfickt und zugenäht.

Stattdessen begegnet mir die Welt mit massivem Undank. Ich erwarte ja keine Heldenverehrung, aber ich habe immerhin meine inneren Dämonen besiegt, ich habe in einem Gefährt, das ursprünglich als Gefängnis für einen Älteren Gott diente, eine interdimensionale Schlacht gewonnen und schließlich die Welt vor dem sicheren Untergang bewahrt. Und? Interessiert es die Welt? Die traurige Antwort darauf ist nein. Nicht die Bohne. Jetzt weiß ich, wie Jesus und Ultraman sich gefühlt haben müssen.

Ich reibe den Stumpf meines kleinen Fingers. Das ist zu meiner typischen Handbewegung geworden: voller Ressentiment über den verstümmelten Finger reiben und daran denken, was die Welt mir schuldig ist.

Als ich hochschaue, sieht mich der Rest der Gruppe an. Es wird gemunkelt, ich hätte mir selbst den Finger abgeschnitten, um mich am Wichsen zu hindern. Sie nicken verständnisvoll, und ich lasse hastig den Fingerstumpf los.

»Baxter«, sagt Harold und beugt sich auf seinem Stuhl so weit vor, dass der goldene Tierkreiszeichen-Anhänger um seinen Hals hypnotisch zu schwingen beginnt. »Willst du heute nicht den Anfang machen und der Gruppe von dir erzählen?«

Ja, warum spreche ich mich nicht aus? Vielleicht sollte ich ihnen erzählen, dass ich keine Chance hatte, an einer neuen Schule angenommen zu werden, obwohl ich mir alle Mühe gegeben habe, mich zu verändern? Die Anonymen Pornographen sind nur die Spitze des Eisbergs. Ich war bei diversen Psychologen, die alles Mögliche von bipolarer Störung über ADHS bis zur posttraumatischen Belastungsstörung an mir diagnostizierten. Man hat mir ein komplettes Regenbogenspektrum von Medikamenten gegen meine Probleme verschrieben. Allerdings halte ich mich damit zurück. Seit mein letzter Psychologe mir einzureden versuchte, ich sei ein Serienmörder, und mich anschließend mit Hilfe eine Riesenoktopus-Exoskeletts umbringen wollte, wird man mir sicher nachsehen, wenn ich ein wenig skeptisch bin.

Ich gebe zu, dass ich mich ändern muss, aber Pornographie war nie mein Problem. Ich bin Geschäftsmann, und Pornographie war eben mein Produkt. Die Droge, von der ich loskommen muss, ist Manipulation. Dummerweise habe ich in der letzten Zeit so etwas wie Empathie und Verantwortungsbewusstsein entwickelt, was meinen übrigen Persönlichkeitsanteilen vollkommen widerspricht.

Ich giere nach Manipulation wie ein Junkie. Es juckt mich in den Fingern, neue Marionetten zu bewegen. O Gott, was gäbe ich für eine letzte Runde Strippenziehen.

Allerdings habe ich jetzt ein Gewissen, das mich daran hindert, meine früheren manipulativen Machenschaften wieder aufzunehmen. Was es nicht einfacher macht. Gute Vorsätze im Alltag durchzuhalten ist wie im Donutladen zu arbeiten, wenn man abnehmen will.

Was mich bei der Stange hält, ist, dass Esmé mich neuerdings »nobel« findet, und sei es nur, weil ich einen parasitären Arachniden, der ihr Denken kontrollierte, von ihrem Hirnstamm entfernt habe. Egal, ihre Meinung bedeutet mir etwas.

Aber es ist hart. Mein Held Niccolò Machiavelli würde mich auslachen, denn wie sagte er so richtig: »Jemand, der es darauf anlegt, in allen Dingen moralisch gut zu handeln, muss an einem Haufen, der sich daran nicht kehrt, zugrunde gehen.« Amen, Niccolò – allerdings nehme ich stark an, dass Machiavelli, anders als ich, auch keinen Buren-Mystiker auf der Schulter hocken hatte, der zu allem seinen Senf dazugibt.

»Baxter«, sagt Harold auffordernd.

Ich habe mir wirklich alle Mühe gegeben, ihre Selbsthilfespielchen mitzuspielen, aber heute ist Schicht. »Ich hab mit Pornos gehandelt«, sage ich genervt. »Und zwar sehr profitabel. Aber dann wurde ich von dem Sklaventreiber in meiner Brust dazu gepresst, auch an andere zu denken. Ich wurde von einem Riesenoktopus in eine andere Dimension gezerrt und habe ihn gekillt, ehe er die Welt zerstören konnte.«

»Ja!«, sagt Harold. »Ja, ja, ja! Wer von uns kämpft nicht täglich mit dem Riesenoktopus Pornographie, der uns in eine andere Dimension zerren will?« Aus der Gruppe murmelt es zustimmend. »Mag sein, dass die Welt dir ihre Anerkennung schuldig bleibt, Baxter, aber wir nicht. Heute ist dein Dreimonatsjubiläum. Du hast dir die Ehre verdient, das hier zu tragen. Dreimal Hoch auf Baxter!« Unter dem Applaus der anderen überreicht er mir einen Schlüsselanhänger aus gelbem Plastik mit dem Aufdruck ANONYME PORNOGRAPHEN.

»Wow, danke«, sage ich und lasse den Schlüsselanhänger in der Tasche verschwinden.

Den Rest des Treffens verbringe ich in einem Dämmerzustand, aus dem ich gelegentlich auftauche, um halbherzig mitzuklatschen, wenn jemand seine abseitige kleine Pornogeschichte zum Besten gibt.

Schließlich sprechen wir das AP-Gelassenheitsgebet und beenden damit die Runde. »Gott gebe mir die Kraft, Safe Search zu benutzen, die Gelassenheit anzuerkennen, dass das Löschen der Browserchronik es auch nicht besser macht, und die Weisheit, zu verstehen, dass kein Mensch den Playboy wegen der Artikel liest, et cetera et cetera. Kumbaya!«

Das Meeting endet, und ich schlurfe, die Hände in den Taschen meines schwarzen Hoodies, zum Ausgang.

»Baxter?«, ruft Harold und kommt hinter mir her gewatschelt. Ich wische mir das Haar aus dem Gesicht, rücke meine Brille zurecht und widerstehe dem Impuls wegzurennen.

»Gut, dass ich dich noch erwischt hab!«, sagt Harold. »Ein paar von uns AP-lern bleiben im Anschluss noch zu einer anderen Gruppe. Ich glaube, es könnte dir guttun, wenn du auch dazukämst.«

»Ist das sowas wie ein Fight Club für Pornosüchtige?«, frage ich. »Daran hab ich nämlich wirklich kein Interesse.«

»Ha ha. Nein, nein«, sagt Harold und boxt mir leicht gegen die Schulter.

»Wird mir das auf die gerichtlich angeordnete Therapie angerechnet?«

Harold überlegt eine Sekunde. »Tja, ich denke, ich könnte es als reguläre Therapiestunde abzeichnen.«

»Okay«, sage ich. »Na schön. Dann bin ich dabei.« Pornotherapie ist wie ein Pflaster – am besten in einem Rutsch runterreißen.

Harold grinst breit und tätschelt mir die Schulter. Ich versuche, nicht daran zu denken, wo diese Hände vorher waren. »Es wird dir gefallen, Baxter. Da bin ich sicher.«

»Das bezweifle ich stark«, sage ich.

Harold geleitet mich zurück in den Kreis verkratzter Plastikstühle, und ich sinke auf einen davon, während sich über mir eine Wolke der Resignation und Verzweiflung zusammenballt. So hatte ich mir mein weiteres Leben nicht vorgestellt.

Einer der AP-ler – er heißt Tom, glaube ich – ist ebenfalls noch geblieben. Ich hab schon diverse Storys von seinen sexuellen Vorlieben über mich ergehen lassen, also ignoriere ich seine Anwesenheit.

Nach und nach trudeln neue Leute ein. Harold begrüßt jeden mit einem Handschlag oder einer Umarmung und hakt Namen auf einer Liste ab. Der Stuhlkreis füllt sich.

»Schön, ich denke, wir sind komplett«, sagt er. »Ich möchte euch alle willkommen heißen und auch einen Neuzugang herzlich begrüßen. Baxter Zevcenko ist ein junger Mann aus einer anderen Gruppe, von dem ich sicher bin, dass er bei uns genau richtig ist. Er erfüllt zwar die Kriterien nicht, aber ich habe das Gefühl, sein Verlusterlebnis kommt unserem sehr nahe. Begrüßen wir Baxter herzlich in unserer Mitte.«

Die Gruppenmitglieder beginnen über dem Kopf mit den Fingern zu schnippen und in einem schrägen, synkopierten Rhythmus mit den Füßen zu stampfen. Mitglieder einer ominösen Sekte, ganz eindeutig.

»Willkommen im Allerheiligsten, Baxter«, sagt Harold stolz. »Obwohl wir keinen offiziellen Namen haben, nennen wir uns ›Die Gefallenen‹. Wir waren fast alle gut im Geschäft: Medienpersönlichkeiten, freie Unternehmer, Ärzte und Anwälte. Was wir alle gemeinsam haben, ist, dass wir in Ungnade gefallen sind. Wir haben die Gesellschaft so vor den Kopf gestoßen, dass wir für alle Zeiten zu einer Randexistenz verdammt sind. Wir sind die Ausgestoßenen, die Zielscheiben von tausend dummen Witzen und einer Million getuschelter Kommentare. Gruppe, würdet ihr euch vorstellen und sagen, warum ihr hier seit?«

»Tom Weston«, sagt der Typ, der nach dem AP-Meeting noch geblieben ist. »Ehemaliger Radio-DJ. Sexistische Sprüche im Nachtprogramm.«

»Darryl Melkin«, sagt ein schwarzer Typ in Skinnyjeans mit dicker Brille. »Posterboy für Geek-Chic und Autor populärwissenschaftlicher Bestseller. Plagiarismus und gefälschte Zitate. Oh, und Malcolm Gladwell ist nicht mal ein ordentlicher Wissenschaftler und soll sich mit einem rostigen Nagel ins Knie ficken.«

»Darryl.« Harold spricht in väterlichem Ton. »Du weißt, was wir dazu gesagt haben. Das geeignete Ventil für unseren Hass ist unsere Kreativtherapie.«

»Kompliment an Malcolm Gladwell für seine stark erzählten Stories, die die breite Öffentlichkeit nicht überfordern. Ich freue mich über seinen Erfolg«, sagt Darryl zähneknirschend.

»Schon besser«, erwidert Harold mit einem Lächeln.

»Sissy van der Spuy«, sagt eine lange Blondine, die sich dabei die Lippen nachzieht. »Ich hab einen rassistischen Witz getweetet. Aber ich bin keine Rassistin, ich kenne viele Schwarze.«

»Ja, natürlich, Sissy«, sagt Harold und tätschelt ihr die Schulter.

Und weiter geht’s in der Runde. Allesamt Leute, die sich danebenbenommen haben und dafür von der Gesellschaft abgestraft wurden.

»Du siehst also«, sagt Harold und breitet weit die Arme aus. »Wir sind hier alle gleich. Das Internet hat sein brutales, grausames, empörtes Auge auf uns gerichtet. Die Welt hasst uns. Aber zumindest sitzen wir hier alle im selben Boot. Als ich deinen Geschichten zuhörte, wurde mir klar, dass du im Grunde genau wie wir bist. Auch du hast deine Stellung in der Welt verloren.«

Ich bin kein bisschen wie diese Menschen. Ich bin KEIN BISSCHEN WIE DIESE MENSCHEN.

»Wir machen hauptsächlich Kreativtherapie«, sagt Harold. »Das traumatische Ereignis kreativ zu verarbeiten hat ein ungeheures Heilungspotential.«

»Ich habe die hier gemacht.« Sissy zeigt mir stolz ein Paar orange-weiß-blaue Ohrringe.

»Ich weiß nicht, ob Papiermaché-Ohrringe in den Farben der Flagge des alten Südafrika unbedingt die beste Therapie für jemanden sind, dem Rassismus vorgeworfen wird«, sage ich.

Daryll hebt einen Finger. »Da irrst du dich. Es spielt keine Rolle, ob etwas falsch oder unangemessen ist. Es ist emotional befreiend; es wirkt entgiftend.« Er hält ein wunderschönes Bild von Malcolm Gladwell mit brennendem Haar und blutenden Augen hoch.

»Ah ja«, sage ich. »Verstehe.«

»Soweit ich weiß, ist das deine letzte Sitzung, bevor du in deine neue Schule aufbrichst. Ich rate dir dringend, deine Frustration in irgendein Projekt zu kanalisieren. Vielleicht hilft dir die volle Konzentration auf deinen Lernstoff?«, sagt Harold.

»Okay«, sage ich müde und wünsche mich nur noch so weit weg von dieser Gruppe wie möglich. »Ich werde es versuchen.«

/ / /

Ronin ist tief in den Fahrersitz des Cortina gerutscht und macht sich mit einem Messer die Fingernägel sauber. »Mein Gott, wofür hast du so lange gebraucht? Bist du endlich kuriert? Oder soll ich noch warten, während du dir im Gebüsch schnell einen runterholst?«

»Danke, nicht nötig«, sage ich. »Außerdem ist man von einer Sucht offenbar nie kuriert. Man ist immer nur genesend.«

Der Kopfgeldjäger ist zu einem engeren Freund geworden, als ich mir je vorgestellt hätte. Dass er mir geholfen hat, Esmé zu retten, spielt dabei natürlich eine große Rolle. Aber er ist auch der Einzige, mit dem ich über all die seltsamen kreuchenden, krabbelnden, kreischenden Wesen reden kann, die sich in den Bauch von Kapstadt krallen. Außerdem hat er immer Drogen und Alkohol dabei.

»Na, besser du als ich«, sagt er. »Es würde mich zum Wahnsinn treiben, in einer Gruppe mit lauter sabbernden Schwachköpfen rumzusitzen.«

»Ich dachte, Acid, Alk und Monster hätten dich längst in den Wahnsinn getrieben?«

Er schürzt die Lippen und nickt. »Stimmt. Wo wir gerade beim Thema sind.« Er trinkt einen Schluck aus seinem Flachmann. »Ich hab selbst eine kleine therapietechnische Ansage zu machen. Das ist mein letzter Schluck Alkohol. Für jetzt und alle Zeit.«

»Der ist gut«, sage ich.

Er mustert mich mit dem Serienmörderblick, den er normalerweise nur einsetzt, um kleine Kinder zu erschrecken. »Sehe ich aus, als würde ich scherzen?«

»Du gibst das Trinken auf?«, frage ich mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Ja, ich dachte, ich sollte vielleicht doch versuchen, mein Leben zu ändern. Seit ich wieder mit Sue zusammen bin, mache ich mir meine Gedanken, über die wirklich wichtigen Dinge im Leben.«

»Kann ich nachvollziehen. Du sprichst mit jemandem, der weiß, was die Liebe anrichten kann«, sage ich. »Aber was war der Auslöser?«

Er zuckt die Schultern. »Sie ist weg auf Schmuggeltour, und ich will trocken sein, wenn sie zurückkommt.«

»Warum? Sie säuft genauso viel wie du, wahrscheinlich mehr.«

»Ich hab sie am Altar stehen lassen, weil ich vor was weggelaufen bin, weißt du, vor mir selbst und solchem Scheiß.« Er sieht mich an. »Na los, sag irgendwas Sarkastisches, wenn du dich traust.«

Ich halte meine Hände hoch. »Hatte ich nicht vor.«

»Ich hab sogar ein Buch gekauft.« Er klappt sein Messer zu, greift in seinen Trenchcoat und holt ein knallgelbes Taschenbuch heraus, auf dessen Titel ein grinsender Vollidiot mit erhobenem Daumen abgebildet ist: Ihr neues Ich: Tipps für ein glücklicheres, gesünderes Leben.

»Im Ernst?«

»So ernst wie Klötenkrebs, Sparky«, sagt er.

»Na dann viel Glück.« Ich nehme Ronin den Flachmann weg und setze ihn an den Hals. »Von dem solltest du dich dann vielleicht trennen.«

Er reißt ihn mir aus der Hand und schiebt ihn wieder in seinen Mantel. »Den behalte ich schön bei mir. Er soll mir eine stete Mahnung sein.« Er tippt sich an die Schläfe. »Paradoxe Intervention, Sparky.«

»Ah ja«, sage ich. Ich mache es mir auf dem Beifahrersitz gemütlich, als Ronin den Wagen startet. »Wo geht’s eigentlich hin?«

»Wir gehen einkaufen. Schulsachen für dich und Knarren für mich«, sagt er.

Wir kaufen Schulsachen, weil ich mich genötigt sah, Tones Angebot anzunehmen und mich in Hexpoort, einer Magischen Lehranstalt irgendwo am Ende der Welt, einzuschreiben. Ist zwar zum Kotzen, war aber meine einzige echte Option, weil ich andernfalls nähere Bekanntschaft mit dem südafrikanischen Strafvollzugssystem gemacht hätte. Hinzu kommt die Tatsache, dass meine Zukunft alles andere als rosig aussieht. Während andere Jugendliche in meinem Alter Praktika in Anwaltskanzleien und Medienhäusern ableisten, durfte ich wertvolle Erfahrungen darin sammeln, Elementare einzufangen und Spukgestalten zu bekämpfen.

»Wie ist Hexpoort eigentlich so?«, frage ich während der Fahrt. Ich hab versucht, es zu googeln, bin aber bloß auf eine ominöse Website gestoßen, ehe mein Laptop vor lauter Malware-Meldungen austitschte und der Browser abstürzte.

»Oh«, sagt Ronin, und mir entgeht nicht, wie er unwillkürlich das Gesicht verzieht. »Absolut okay, wirklich.«

»Ah ja.« Ein Tropfen eiskalter Furcht rinnt mir die Kehle hinunter und setzt sich in meinem Bauch fest. Wenn Ronin schon das Gesicht verzieht, muss es schlimm sein. Richtig schlimm.

Wir schlängeln uns durch den Verkehr, wobei Ronin die Verkehrsregeln wie üblich nur als grobe Orientierung betrachtet.

»Mein Gott, nimm doch mal den Fuß vom Gas«, sage ich und klammere mich ans Armaturenbrett. »Musst du immer so rasen?« Wenn ich die Apokalypse nur überlebt habe, um dann durch Ronins Kamikazefahrstil an der Leitplanke zu enden, würde mich das echt runterziehen.

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